Ich bin zeitig aufgewacht und habe in aller Ruhe meinen Rucksack gepackt. Um kurz vor 08:00 h verließ ich meine Unterkunft und wollte zur Anschrift der Familie Lacroix gehen, um dort zu Frühstücken.
Irgendwie hatte ich gestern Mme Lacroix falsch verstanden. Direkt vor der Haustüre traf ich auf sie. Sie hatte einen Korb mit Kaffee, Croissants, Schokocroissants und die üblichen süßen Frühstückszutaten dabei. Gemeinsam gingen wir zurück in de Unterkunft und schnell hatte sie in der Gemeinschaftsküche den Tisch gedeckt. Ich bezahlte meine Unterkunft (35 €) und ließ es mir schmecken.
Gegen 08:25 h startete ich bei blauem Himmel in einen sonnigen Tag.
Ich hatte mir anhand des Stadtplans die zu begehenden Straßen notiert und fand so problemlos den Zugang zum „Voie verte“, einer alten Bahntrasse, die zwischenzeitlich zum Radweg umgebaut wurde.
Der Sonnenschein am frühen Morgen trügte allerdings.
Recht optimistisch bin ich in kurzen Hosen und kurzärmeligen Hemd losgelaufen.
Ich musste feststellen, dass mein Atem in der Luft kondensierte. Obwohl ich schnell voran ging, fror ich im Bereich des Oberkörpers. Der Fleecepulli musste her. Erst beim Öffnen des Rucksacks bemerkte ich, dass meine Finger vor Kälte ziemlich steif geworden waren.
Ziemlich unspektakulär führte der „Voie verte“ vornehmlich immer geradeaus durch ein Tal. Der Blick nach links oder rechts wurde durch Bäume und Büsche entlang der alten Bahnstrecke erheblich eingeschränkt.
Dafür gab es hier wieder nennenswerte fließende Gewässer, welche ich zuletzt mit dem Flüsschen „Ouche“ in Dijon gesehen hatte. Erst im nachhinein wurde mir hierdurch klar, dass die Bourgogne mit ihren unendlichen Weinanbauflächen ein ziemlich wasserarmes Gebiet ist.
Auf jeden Fall kam ich sehr schnell voran. Gegen 10:00 h wurde es deutlich wärmer, so dass der Fleecepulli wieder in den Rucksack gepackt werden konnte.
Nachdem der ehemalige Bahnhof von Cormatin passiert war, gelangte ich an einen alten Steinbruch.
Aus großen Felsblöcken und einer dicken Felsplatte des rötlichen Gesteins war hier ein archaisch anmutender Rastplatz angelegt worden, den ich zu einer kurzen Pause nutzte.
In der Mittagszeit erreichte ich dann Taizé, auf den ersten Blick ein kleiner Ort mit sehr schönen Steinhäusern an einem Berghang gelegen. Aber wo sollten sich hier tausende Jugendliche und jungen Menschen aufhalten, die sich hier Jahr für Jahr ständig zum Austausch religiöser Gedanken treffen?
Ich durchquerte das Dorf und am anderen Ortsausgang, oben auf dem Hügel, erreichte ich das beeindruckende Areal der „Communaute Taizé“. Auf den ersten Blick erinnerte mich das Ganze irgendwie an die Zeltlager meiner Jugendzeit. Es gab sehr große Zeltplätze mit Mehrpersonenzelten, riesige Essenszelte, aber auch zahlreiche verschiedene Holzbauten als Unterkünfte oder Funktionsgebäude. Im Zentrum des Ganzen lag die von außen schlicht wirkende, hölzerne „Vereinigungskirche“.
Ich begab mich ins Empfangsgebäude, um dort nach einen Stempel der „Communaute Taizé“ zu fragen. Den erhielt ich dort nicht. Dafür nahm mich direkt eine sehr süße, perfekt Deutsch sprechende Französin in Beschlag. Sie bot mir einen Tee zur Erfrischung an. Sie wollte auch wissen, wie lange ich bleibe. Nachdem ich ihr gesagt hatte, ich sei nur auf der Durchreise, bat sie mich, doch wenigstens zu einer Bibeleinführung am Nachmittag und zur Abendmesse zu bleiben. Dankend lehnte ich ab. Während ich meinen Tee schlürfte, erklärte sie mir die Geschichte und die Entstehung der „Communaute“. Sie sagte, in Spitzenzeiten befänden sich bis zu 6000 junge Menschen vor Ort, um gemeinsam über Glaubensfragen zu diskutieren. Nach dem Tee verabschiedete ich mich von meiner hübschen und christlich sanftmütigen Gesprächspartnerin, um meinen Weg fortzusetzen.
Ich warf noch einen Blick in die „Vereinigungskirche“, die von deutschen und französischen jungen Menschen gemeinsam errichtet wurde. Das von außen sehr schlichte Holzgebäude verströmt in seinem Inneren eine sagenhaft beruhigende Aura.
Obwohl sich zahlreiche Menschen in der Kirche befanden, war kaum ein Geräusch zu vernehmen. Selbst die einfache Dekoration des Altarbereichs, mit seinen orangefarbenen Dreieckstüchern und den einfachen Hohlblocksteinen, mit brennenden Kerzen, wirkte tief beeindruckend auf mich.
Im Anschluss besuchte ich noch einen Ausstellungs- und Verkaufsraum, in dem die „Frères“, die Brüder von Taizé, ihre selbst produzierten Gegenstände, vornehmlich Gemälde, Töpferwaren und anderes Kunsthandwerk, veräußerten. Nach den strengen Grundsätzen der „Communaute“ leben die „Frères“ ausschließlich vom Ertrag ihrer eigenen Arbeit. Hier in der Ausstellung erhielt ich auch den wenig schmuckvollen Stempel der „Communaute Taizé“ in meinen Pilgerpass.
Nach einer guten Stunde Aufenthalt verließ ich Taizé und setzte meinen Weg auf dem „Voie verte“ in Richtung Cluny fort. Der Weg schlängelte sich nach wie vor unspektakulär durch das lange Tal.
Es gab wirklich nicht viel Abwechslung, dafür kam ich, wie beabsichtigt, schnell voran.
An einer Stelle sah ich schon aus der Entfernung vier oder fünf winzig kleine Kätzchen auf dem Radweg herumtollen. Als ich mich näherte, verschwanden sie blitzschnell im Gestrüpp und ließen sich auch nicht mehr hervorlocken. Gerne hätte ich eines dieser putzigen Tierchen mit nach Hause genommen. Da, soweit das Auge reichte, weit und breit kein Haus zu sehen war, ging ich davon aus, dass sich ein „lieber“ Zeitgenosse seines jüngsten Katzenwurfes entledigt hat.
Ein Stückchen weiter überholte mich eine Frauengruppe, die auf ihren Rennrädern ziemlich zügig unterwegs war. Die dritt- oder viertletzte Fahrerin bremste unvermittelt, was beinahe den Sturz der Gruppenletzten zur Folge hatte. Sie wollte wissen, woher ich komme.
Ich antwortete „Allemagne, Solingen, à Cologne“, dass ich in mehreren Etappen gelaufen war, konnte ich aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse leider nicht so schnell vermitteln.
Es folgte ein schriller Ausruf der Frau, die ganze Radgruppe stoppte. Sie rief ihren Freundinnen irgendetwas in französischer Sprache zu. Ich verstand nur „quel courage“, also „welcher Mut“. Die gesamte Damenmannschaft applaudierte mir. Wie peinlich!!!
Kurz darauf erreichte ich den alten Bahnhof von Massily. Dort legte ich eine ausgiebige Pause ein, aß ein paar Nüsse und trank einen ordentlichen Schluck Wasser.
Für ein Foto mit dem Selbstauslöser der Kamera brauchte ich bestimmt vier Anläufe. Obwohl ich fast den ganzen Tag alleine auf dem Radweg unterwegs war, schienen hier alle Radfahrer der Umgebung auf und ab zu fahren. Unglaublich, wie schnell man mit einem Rennrad unterwegs sein kann. Immer wieder fuhren mir während der 10sekündigen Auslösezeit der Kamera irgendwelche Radler ins Bild.
Weiter ging es auf dem nicht gerade unterhaltsamen Weg.Ich entwickelte einen Blick für die Kleinigkeiten am Wegesrand. Das heißt, so klein war die Raupe gar nicht, die da über den Asphalt des Radweges kroch. Ich fragte mich, welch ein gigantischer Schmetterling sich aus so einer großen Raupe entwickeln muss.
Trotzdem verging die Zeit auf dem öden Radweg wie im Flug. Plötzlich konnte ich die Reste einer gewaltigen Kirche durch das Buschwerk zu meiner Rechten ausmachen. Ein nochmaliger Blick in die Wegbeschreibung, kein Zweifel, es war Cluny, das Ziel, das ich mir für dieses Jahr gesetzt hatte.
Schon 20 Minuten später, gegen 14:15 h erreichte ich in den Ort.
Eigentlich wollte ich mir ja noch einmal am letzten Abend ein gemütliches Bett gönnen. Aber die wirklich günstigen Unterkünfte, wie zum Beispiel das „Hotel du Commerce“ (ÜF 25,80 €) oder das „Cluny séjour“ (ÜF 17,50 €) waren bis 17:00 h geschlossen.
In Anbetracht der vielen ausländischen Fahrzeuge (insbesondere aus den NL) auf den Parkplätzen der Stadt, wollte ich kein Risiko eingehen. Ich wollte mir nicht erst um 17:00 h sagen lassen „alles reserviert“ und entschloss mich kurzerhand für eine weitere Zeltübernachtung.
Der Zeltplatz lag, wie gewohnt, etwas außerhalb der Stadt, war aber schnell erreicht.
Schnell, sehr schnell war mein Zelt auf dem schönen Campingplatz aufgebaut.
Nach einer ebenso schnellen Dusche, wechselte ich meine Kleidung. In einem nahe gelegenen Supermarkt besorgte ich mir eine gute Flasche Wein für meinen letzten Abend und warf diese ins Zelt.
Danach ging ich die Stadt erkunden. Cluny ist eine durchaus schöne Stadt, wenngleich sie nicht den Mittelaltercharme von St. Gengoux ausstrahlt.
Ich erinnerte mich. Meine Frau Jutta hatte mir oft erklärt, dass Cluny eine der Hochburgen der Klöppelkunst sei. Leider schien davon nicht mehr viel übrig zu sein.
Obwohl ich mit aufmerksamem Blick durch die Straßen zog, konnte ich lediglich an einer einzigen Stelle einen kleinen Laden entdecken, der Klöppelarbeiten verkaufte.
Ein junger Mann saß vor dem Geschäft an seiner Klöppelrolle und klöppelte Bänderspitze.
Ansonsten schien der fotogenste Platz von Cluny das Seitenschiff und das Umfeld der ehemaligen Kathedrale zu sein, die in der Vergangenheit, nach dem Petersdom in Rom, die größte Kathedrale der westlichen Welt war.
Vor Ort selbst ließ sich nur aufgrund der Größe des angegliederten Klosterkomplexes, der Säulenfundamente des ehemaligen Hauptschiffes und der Entfernung zu den Palästen der Bischöfe und Äbte ermessen, wie groß und prächtig diese Kirchenanlage im 12. Jahrhundert gewesen sein muss.Während der französischen Revolution wurde der ansässige Orden aufgelöst und die Gebäude kurzerhand veräußert. Die einstmals riesige Kathedrale wurde abgerissen und als Steinbruch missbraucht.
In dem alten Kloster , der „Abbaye de Cluny“, holte ich mir einen weiteren Stempel für meinen Pilgerausweis.
Kurz vor der Abenddämmerung bestieg ich dann noch den sogenannten „Käseturm“.
Von dort oben bot sich ein schöner Blick über die engen Gassen der alten Stadt Cluny.
Im Straßenbild stachen mir eine Vielzahl junger Menschen, alle so um die 20 Jahre alt, ins Auge, die durchweg mit den gleichen Baseball-Caps und seltsamen, zum Teil kunstvoll gestalteten Kitteln bekleidet waren. Über die Bedeutung dieser Verkleidung konnte ich mir absolut kein Bild machen. Ich vermutete, dass es der Gag eines Abschlussjahrgangs eines Gymnasiums wäre.
Schnell wurde es wieder dunkel und auch sehr kalt.
Wenn ich schon kein gemütliches Bett für die Nacht haben sollte, wollte ich mir am letzten Abend wenigstens ein leckeres Essen gönnen. Ich suchte und fand ein kleines Restaurant, in dem ich eine riesige Pizza aus dem Holzofen für kleines Geld bekam. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich diese Pizza nicht geschafft habe.
Noch einmal unternahm ich einen kurzen Rundgang durch die Stadt und musste feststellen, dass sie bei Dunkelheit dann doch ihre sehr schönen Seiten hat.
Nach dem Abendrundgang ging ich fröstelnd zurück zum Zeltplatz, denn ich war immer noch in meinen Shorts unterwegs. Zügig ging ich zurück zum Campingplatz, dass hielt wenigstens ein wenig warm. Zum Glück hatte ich wenigstens meine Fleecepulli an, sodass wenigstens der Oberkörper warm blieb.
Schnell kroch ich mein Zelt. Ich packte noch meinen Seidenschlafsack in den richtigen Schlafsack. Den hatte ich mir zum Glück eine Woche vor der Wanderung zugelegt. Zum Einen würde ich ihn eh früher oder später brauchen, zum Anderen sollte so ein Seidenschlafsack die Wärmeleistung des richtigen Schlafsackes um 3 – 4o Celsius nach oben pushen. Schon jetzt war zu merken, dass ich dies in dieser Nacht gebrauchen könnte.
In voller Montur, natürlich ohne Schuhe, kroch ich in meine beiden Schlafsäcke. Im ersten Moment entzogen sie mir wieder Wärme. Ich überlegte kurz, ob ich meine 1,5 Liter Aluflasche mit heißem Wasser aus der Dusche auffüllen sollte, um sie als Wärmflasche zu nutzen. Von dieser Idee nahm ich Abstand, da sich die Sanitäranlagen in einiger Entfernung auf dem Zeltplatz befanden.
Ich entschloss mich , lieber mit den Beinen schnelle Trippelbewegungen zu machen, um so ein wenig Wärme zu erzeugen. Es klappte. Schnell wurde es im Schlafsack ein wenig wärmer.
Da mein einschichtiges Zelt an allen vier Seiten mit großzügigen Lüftungsöffnungen versehen ist, erwartete ich, dass es auch am Kopf sehr kalt werden würde.
Aus meinem „Buff – Tuch“ wickelte ich mir eine Art Mütze, setzte sie auf und zog sie mir so gut es ging über die Ohren.
Chick ist wirklich anders, wie ich später auf dem Selbstportrait erkennen musste ;o).
So ließ es sich wenigstens gut aushalten. Auf das Erreichen meines diesjährigen Zieles öffnete ich mir die gute Flasche Wein, die ich bereits am Nachmittag ins Zelt geworfen hatte.
Sie war inzwischen ebenfalls sehr durchgekühlt, schmeckte deshalb nach nichts und tat an den Zähnen weh. Mit viel Kraft drückte ich den Korken wieder in den Flaschenhals, um sie zu verschließen.
Ein wenig frustig darüber, dass ich am letzten Abend mein Ziel „Cluny“ nicht mit einem guten Glas Wein feiern konnte, beobachtete ich meine Mini – Dynamotaschenlampe, wie sie langsam an Leuchtkraft verlor.
Gleichzeitig war ich froh darüber und auch ein wenig Stolz darauf, dass selbst gesetzte Ziel erreicht zu haben.
Mit diesem Gedanken fiel ich in den Schlaf.
Mir ist bewusst geworden, dass es nur noch 10 Jahre bis zur Pensionierung sind. Daher habe ich mir überlegt, dass es möglicherweise eine gute Sache sei, mich durch die Begehung eines Jakobsweges innerlich auf den Ruhestand vorzubereiten. So habe ich mir vorgenommen in 2010 in Tageswanderungen, ab 2011 in Wochenwanderungen und ab 2020 in mehrwöchigen Wanderungen den Weg von Wuppertal nach Santiago und weiter bis Fisterre zu gehen.
Donnerstag, 20. September 2012
Mittwoch, 19. September 2012
Tag 35 am 19.09.2012 von Moroges nach St. Gengoux-le-National
Gestern Abend ist
es ganz schön spät geworden. Dennoch wachte ich, wie immer, recht zeitig auf. Trotz des vielen
Weins hatte ich kein bisschen Kopfweh.
Herr Duniault brühte mir eine große Tasse schwarzen Kaffee auf.
Als besonderen Service drückte mir Herr Duniault noch den Kirchenstempel in meinen Pilgerausweis. Er warf sein Notebook an und zeigte mir die Wetteraussichten für den heutigen Tag. Es sollte sehr schön werden und mindestens bis Samstag nicht mehr regnen. Um 08:00 h verabschiedete ich mich dann endgültig von meinem Wohltäter und machte mich auf den Weg.
Nachdem ich die Schönheit dieses Ortes ein paar Minuten lang in mich aufgesogen hatte, setzte ich meinen Weg fort.Bereits nach einigen hundert Metern sollte es noch schöner kommen.
Da ich sehr, sehr gut in der Zeit lag, entschloss ich mich spontan hier nochmals eine längere Pause einzulegen.
Dieser Platz strahlte irgendetwas Magisches aus. Hier war ich glücklich und zufrieden mit mir
und der Welt. Irgendwann beendete ich schweren Herzens
meine Pause und ging weiter.
Nach einer kurzen Dusche wechselte ich meine Kleidung. Danach ging ich wieder in den Ort, wo ich erneut auf Moni und Thomas traf. Gemeinsam erkundeten wir die Stadt und machten einige Besorgungen.I m Informationsbüro erhielten wir einen
schönen Stempel für unsere Pilgerausweise.
Die fertigen Pizzen mussten an der Theke
abgeholt werden. Die Getränke besorgte man sich selber aus dem Kühlschrank, der
im Gastraum stand. Der kleine Laden hatte Charme und strahlte Gemütlichkeit
aus.
Wir haben an dem Abend viel gelacht und
hatten unseren Spaß. Ich erfuhr, dass Thomas Beamter beim Ordnungsamt sei und
Moni in einer Klinik für Nervenkranke arbeitet.
Ich öffnete eine Flasche Wein, machte mir ein paar Notizen zum Tag und studierte die Wegbeschreibung für den morgigen Tag.
Demnach sollte es wieder bergauf und bergab gehen. Auf einem schmalen Pfad sollte mich der Weg durch einen dicht bewachsenen Wald führen.
Was mich jedoch am meisten störte, war die Tatsache, dass man einen Bauernhof passieren musste, auf dem der Hofhund seinen Job sehr gründlich machen soll. Als Alternative wurde angeführt, mehrere hundert Meter zurück zu laufen, um den Hof auf einer Landsstraße zu umgehen.
Ich hob meinen
Kopf und schaute durch das dicht über dem Fußboden befindliche Fenster. Ein
tolles Morgenrot lag über der Stadt Chalon-sur-Saone.
Ich stand auf und
packte schnell meine sieben Sachen in den Rucksack. Mir fiel ein, dass ich gestern
Abend noch das Etikett meiner Weinflasche ablösen wollte, was ich auch noch
schnell erledigte. Danach verließ ich meine Unterkunft, in
der ich die regnerische Nacht so gut verbracht hatte.
Zwangsläufig
musste ich am Häuschen des Herr Duniault vorbei. Hier waren die Schlagläden
bereits geöffnet und in der Küche brannte Licht. Herr Duniault hatte mir
angeboten, morgens noch einen Kaffee bei ihm zu trinken. Da ich nicht ohne
Verabschiedung gehen wollte, klingelte ich an.
Herr Duniault brühte mir eine große Tasse schwarzen Kaffee auf.
Als besonderen Service drückte mir Herr Duniault noch den Kirchenstempel in meinen Pilgerausweis. Er warf sein Notebook an und zeigte mir die Wetteraussichten für den heutigen Tag. Es sollte sehr schön werden und mindestens bis Samstag nicht mehr regnen. Um 08:00 h verabschiedete ich mich dann endgültig von meinem Wohltäter und machte mich auf den Weg.
Am Ortsausgang von Moroges gab es das
einzige kleine Geschäft des Ortes in Form einer Bäckerei. Hier besorgte ich mir
zwei Croissants, die ich beim Weitergehen aß.
Ab Moroges konnte ich der guten
Beschilderung des Wanderweges GR76 bis nach Cluny folgen. Ein Hinweisschild wies eine Reststrecke
von 40 Km bis dorthin aus. Das sollte an zwei
Tagen zu locker schaffen sein.
Wie das Internet es versprochen hatte,
lösten sich die Reste der nächtlichen Regenwolken auf. Die Sonne kam hervor und
es wurde schnell deutlich wärmer.
Mein Weg führte auf ein riesiges
Hochplateau, auf dem ich mehrere Stunden vor mich hin wanderte. Zu meiner Linken tolle Ausblicke auf die Saone - Ebene, die aber wie immer leicht
im Dunst lag.
Die ersten 12 Kilometer verschwanden heute
förmlich unter meinen Füßen und zügig erreichte ich Montagny-les-Buxy.
Schon
bald hinter dem Ort gelangte ich an eine sehr idyllische Weggabelung.
Ich legte eine kurze Rast ein und genoss den schönen Ort. Obwohl es in der Wegbeschreibung erwähnt war, hätte ich hier beinahe ein besonderes Detail übersehen.
An dem Steinkreuz hatte der Bildhauer eine
große Weinbergschnecke heraus gearbeitet, die in statischer Langsamkeit am
Kreuz empor kriecht.Ich legte eine kurze Rast ein und genoss den schönen Ort. Obwohl es in der Wegbeschreibung erwähnt war, hätte ich hier beinahe ein besonderes Detail übersehen.
Nachdem ich die Schönheit dieses Ortes ein paar Minuten lang in mich aufgesogen hatte, setzte ich meinen Weg fort.Bereits nach einigen hundert Metern sollte es noch schöner kommen.
Ich erreichte eine kleine, gepflegte
Wiesenanlage, an deren Ende eine stattliche Mariensäule aufgestellt war. Die Marienfigur blickte hinab in die Saone
– Ebene.
Unterhalb der Säule gab es ein kleines
Plateau, ab dort ging es dann fast senkrecht ca. 100 m hinab bis auf das Niveau
der Ebene.Da ich sehr, sehr gut in der Zeit lag, entschloss ich mich spontan hier nochmals eine längere Pause einzulegen.
Dieser Platz strahlte irgendetwas Magisches aus.
Bereits um 14:00 h erreichte ich den
Ortseingang von St. Gengoux-le-National mit den Überbleibseln seiner ehemaligen
Stadtbefestigung.
Da ich mit Herrn Lacroix vereinbart hatte,
dass ich erst um 16:00 h vor Ort sein würde, hatte ich jede Menge Zeit, die ich
zu einem ausgiebigen Stadtrundgang nutzte.
Ich musste feststellen, dass es in dem
Örtchen wunderschöne Gassen und Ecken gab, in denen die Zeit wirklich stehen
geblieben war.
Es gab dort aber auch eine gut 100m lange
Straße, die „Grand Rue“, die mit ihrem Baumreihen und den kleinen Geschäften
und Gaststätten links und rechts einen echt südländischen Flair versprühte.
Ich setzte mich auf die Terrasse eines
Restaurants und bestellte ein Bier vom Fass. Kaum dass es auf dem Tisch stand,
kamen auch schon Moni und Thomas um die Ecke und gesellten sich zu mir. Natürlich tauschten wir sofort die
Erlebnisse der vergangenen Tage aus.
Dann war es auch schon 16:00 h und ich suchte
Herrn Lacroix auf. Ich traf ich ihn nicht
selbst an sondern seine Ehefrau. Die war
natürlich über mein Kommen informiert. S ie führte mich durch die engen Gassen von
St. Gengoux und blieb letztendlich vor einer Haustüre stehen, die mit einer
Jakobsmuschel gekennzeichnet war.
Die Tür gehörte zu einem alten Haus. Eine
steile Treppe führte hinauf in den zweiten Stock. Hier lag
mein Zimmer mit seiner antiquarischen Einrichtung.Nach einer kurzen Dusche wechselte ich meine Kleidung. Danach ging ich wieder in den Ort, wo ich erneut auf Moni und Thomas traf. Gemeinsam erkundeten wir die Stadt und machten einige Besorgungen.
Langsam wurde es Abend und wir beschlossen,
gemeinsam etwas Essen zu gehen.
Wir fanden die kleine Pizzeria „Pili
Pili“, die von einem jungen Franzosen im Alleingang bewirtschaftet wurde.
Nach dem Essen machten wir noch einen
gemeinsamen Stadtrundgang bei Dunkelheit. Danach verabschiedeten wir uns. Wir
wünschten uns gegenseitig einen guten Weg. Der Abschied von den Beiden
lebensfrohen und liebenswerten Menschen fiel mir ein wenig schwer.
Ich hoffe, dass ich sie irgendwann mal
irgendwo wiedersehe.
Wieder wurde es bei Dunkelheit ziemlich
schnell kühl und ich suchte meine Unterkunft auf, die mir der unvergleichliche
Herr Duniault bereits am Vortag verschafft hatte.
In meinem Zimmer öffnete ich das Fenster,
um frische Luft hinein zu lassen.
Welch ein toller Ausblick. Die seltsame
Kirche mit ihrem doppelten Turm lag zum Greifen nah direkt gegenüber und über
Dächer hinweg konnte ich in den beleuchteten Stadtkern sehen. Ich öffnete eine Flasche Wein, machte mir ein paar Notizen zum Tag und studierte die Wegbeschreibung für den morgigen Tag.
Demnach sollte es wieder bergauf und bergab gehen. Auf einem schmalen Pfad sollte mich der Weg durch einen dicht bewachsenen Wald führen.
Was mich jedoch am meisten störte, war die Tatsache, dass man einen Bauernhof passieren musste, auf dem der Hofhund seinen Job sehr gründlich machen soll. Als Alternative wurde angeführt, mehrere hundert Meter zurück zu laufen, um den Hof auf einer Landsstraße zu umgehen.
Eigentlich wollte ich am morgigen Tag die
Nachmittagsstunden dazu nutzen, Cluny ein wenig näher anzusehen. Ich spielte auch immer noch mit dem
Gedanken, eine Stippvisite in Taizé einzulegen.
Ich erinnerte mich daher an die Idee von
Thomas, über einen Radweg, den „Voie verte“, nach Cluny zu gehen. Dieser führte
direkt an Taizé vorbei, war eben, und an meinem letzten Tag wäre hierdurch die
Gefahr des Verlaufens nicht gegeben. Ich würde gut voran kommen und genug Zeit
in Cluny verbringen können.
In meinem Zimmer und der dazugehörenden
Gemeinschaftsküche suchte ich nach entsprechenden Unterlagen. Ich fand einen
Stadtplan von St. Gengoux, auf dem ich sehen konnte, wie man den „Voie verte“
erreicht.
Der Rest würde sich dann schon finden.
Mein Entschluss stand damit fest und ich fiel in einen tiefen, erholsamen
Schlaf.
Dienstag, 18. September 2012
Tag 34 am 18.09.2012 von Chagny nach Moroges
Gegen 07:00 h war ich aufgestanden und habe mein Zelt abgebaut. Peter aus Köln, im Nachbarzelt, schien offensichtlich noch zu schlafen.
Als ich gestern auf dem Zeltplatz ankam, war die Rezeption geschlossen. Sie war nur am Nachmittag für ein paar Stunden geöffnet. Als ich am gestrigen Abend mit meinen Einkäufen zurückkehrte, hatte die freundliche, junge Dame am Empfang bereits ihren Computer wieder heruntergefahren. Mit einigem Charme entlockte sie mir den Personalausweis, legte ihn in ein Kästchen und sagte mir, ich solle heute früh ab 08:00 h erneut vorbeikommen, um meine Übernachtung zu bezahlen.
Das habe ich auch gemacht. Leider hatte ich einen ziemlich nervtötenden Niederländer vor mir. Er bestand darauf, der jungen Frau auf Englisch zu erklären, was an seinem Fahrrad kaputt sei. Sie sollte den Mangel in französischer Sprache aufschreiben, damit er den Zettel in der Fahrradwerkstatt vorlegen könne. Er gab erst Ruhe, nachdem die junge Frau erklärte, dass sie Brasilianerin sei und sie lange nicht so gut Französisch spräche, wie es sich vielleicht anhören würde.
Gegen 08:30 h konnte ich dann auch endlich meine Rechnung bezahlen, bekam meinen Ausweis wieder und durfte endlich starten. Schnell hatte ich den Ort Chagny durchquert und überquerte am Ortsausgang erst einmal einen Kanal.
Danach wurde es sofort zusehends ländlicher und bald verließ mein Weg die Straßen und führte über einen felsigen Schotterweg immer bergauf auf den nächsten Hügelzug zu.
Hier im Aufstieg traf ich dann auf sie. Große, schwarze, breitkrempige Hüte mit übergroßer, silberner Jakobsmuschel und gewaltige Pilgerstäbe. Der zu erwartende Pilgerumhang wurde allerdings durch hochwertigste Outdoor - Bekleidung ersetzt. Nach der Beschreibung von Moni und Thomas konnten das nur „die beiden Kölner“ sein. Mehr oder weniger sprach ich sie auch so an. Sie erkannten mich sofort als „den Solinger“.
Der Nachrichtendienst unter Pilgern schien also zu funktionieren. Irgendwie ein beruhigendes Gefühl.
Gemeinsam stapften wir bergwärts und erreichten bald eine heideähnliche Hochfläche.
Wir kamen ins Gespräch, ohne uns namentlich vorgestellt zu haben.
Schnell referierte „Der Kölner“ darüber, dass er gemeinsam mit seiner Frau den einzig wahren Jakobsweg begehen würde. Also seiner Meinung nach den von Köln über Trier, Cluny, Le Puy nach Saint-Jean-Pied-de-Port und danach entlang der spanischen Nordküste, da diese ja wie alle Küsten zuerst besiedelt wurde… . Weiter führte er aus, dass er den Weg zum Wandern über den Deutschen Alpenverein gefunden habe und eigentlich aus dem Kletterbereich komme. Es gäbe für ihn nichts Schöneres, als sich in der Natur anhand von Landkarten und Kompass zu bewegen, in den Alpen sei allerdings auch ein Höhenmesser von Vorteil.
„Die Kölnerin“ sprach derweil kaum ein Wort und ging immer mit einigem Abstand hinter uns her.
Plötzlich tönte ein seltsam schnarrendes Signal aus der Hosentasche „des Kölners“. Ich dachte mir noch, welch ein vorzeitlicher Handyklingelton. Falsch gedacht. Ein gezielter Griff in die Hosentasche „des Kölners“ förderte ein Hightech Navigationsgerät hervor, welches verkündete, das wir von der vorgesehenen Route abgewichen waren. Ich glaube, ein leichtes Prusten konnte ich nicht unterdrücken und hatte echte Mühe, nicht vor Lachen ins Heidekraut zu beißen. Jedoch folgte ich den Beiden mit ihrem zuverlässigen Navi, nicht ganz uneigennützig, bis nach Rully.
In dem Ort konnte ich meinen Weg anhand der Beschreibung und der Kennzeichnung wieder alleine aufnehmen. In einer kleinen Parkanlage in Rully traf ich erneut auf Moni und Thomas. Ich blieb auf ein kurzes Gespräch bei ihnen und ließ „die Kölner“ ziehen. In einem kleinen Lebensmittelgeschäft kaufte ich eine große Weintraube und ein paar kleine Tomaten. Wie sich später herausstellten sollte, sind Weintrauben auf nüchternen Magen nicht unbedingt die allererste Wahl, zumal sie, gelinde gesagt, die Verdauung stark anregen.
Ab der Parkanlage setzte ich meinen Weg wieder alleine fort. Er führte mich zunächst steil bergan und aus der Stadt hinaus. Ich passierte am Ortausgang das „Chateau Rully“ eine ansehnliche Schlossanlage.
Schon sehr bald darauf befand ich mich auf einem Hochplateau. Links und rechts der Straße lagen wieder die weitläufigen Weinfelder der Bourgogne.
Im weiteren Verlauf ging es dann durch ein Waldstück mit undurchdringlichen Buchsbaumhecken links und rechts des Weges.
Nach Verlassen des Waldes und einem großen Weinfeld später ereichte ich eine kleine Passhöhe.
Von hier führte ein Fahrweg hinab in den kleinen Ort Mercurey.Linkerhand, direkt am Ortseingang, stand die Kirche „Notre Dame De Mercurey“. Auf dem Vorplatz gab es einige Hinweistafeln zur Bedeutung und Entstehung der Kirche. Darauf war auch ein schöner Stempel abgebildet, den ich unbedingt in meinem Pilgerpass haben wollte. Leider war die Kirche verschlossen.
Am dritten Haus traf ich auf eine aparte Bewohnerin, die sehr gut Englisch sprach. Sie erklärte mir, dass ein paar Straßen weiter, in der Rue de Chamerose das Weingut der Mme Janine Menand läge. Mme Menand besäße einen Schlüssel für die Kirche. Ich suchte das Weingut und traf auf Frau Menand. Sie erklärte sich sofort bereit, mit mir die 400 m zurück zur Kirche zu gehen, um mir dort einen Stempel in den Ausweis zu drücken.
Nach Durchquerung des Ortes stieg der Weg wieder in den nächsten Weinberg an.
Bei einem Blick über Mercurey hinweg zurück, erkannte ich gut den Fahrweg, auf dem ich zuvor vom letzten Weinberg kommen hinab in den Ort gewandert war.
Auf der nächsten Anhöhe passierte ich die alte Kirche Saint-Symphorien-de-Touches.
Von dieser Höhe ging es wieder hinab ins Tal, nach Saint-Martin-sous-Montaigu. Ein Blick in die Lankarte bestätigte meinen Verdacht.
Das gemächliche Wandern zwischen den ebenen Weinfeldern oder immer auf halber Höhe entlang der Weinberge schien beendet. Der heutige Weg führte ganz offensichtlich quer zur Geländefaltung, sodass ich noch den einen oder anderen Auf- und Abstieg vor mit hatte. Ich kümmerte mich nicht darum, denn das Laufen fiel mir heute leicht.
Am Fuß einer Schichtmauer entdeckte einen ganz besonderen Bewohner. Normalerweise huschen hier kleine, schlanke, braune Eidechsen zwischen den Steinen hin und her.
Auf einem platten Stein sonnte sich ein auffallend großes und fettes Exemplar einer grünen Eidechse. Sie flüchtete netterweise nicht sofort und gab mir die Gelegenheit zu einem gelungenen Schnappschuss.
Nach der Durchquerung von Saint-Martin-sous-Montaigu ging es direkt wieder hinauf auf den nächsten Höhenzug. Ein endlos erscheinender und schwer zu gehender felsiger Weg führte mich ständig bergan. Er zog und zog sich. Ich musste nach einiger Zeit eine kleine Pause einlegen und einen ordentlichen Schluck aus meiner Wasserflasche nehmen.
Die weitere Wegbeschreibung verhieß nichts Gutes. So sollte der Weg am oberen Ende des Waldes den Eindruck vermitteln, als sei man bereits oben angekommen. Danach setzte der Pfad sich aber, immer noch stets bergan führend, durch eine große Heidefläche fort, die die gesamte Bergkuppe bedeckte. Endlich hatte ich den Gipfel des Hügels erreicht und pausierte ein weiteres Mal unter einem der typischen Steinkreuze an einer Wegkreuzung. Ich war ganz gut außer Atem.
In Gedanken stellte ich mir bereits vor, wie es in der Auvergne zugehen würde, wo die Hügel deutlich mehr als doppelt so hoch waren wie hier. Schon bald darauf erschloss sich aus der Höhe in östlicher Richtung ein toller Blick hinunter auf Chalon-sur-Saone, der französischen Partnerstadt meines Wohnortes Solingens.
Manchmal schien sich der Weg durch die grasige Hochfläche zu verlieren und war zum Teil nur zu erahnen. Offensichtlich hatte sich mein Gefühl nicht geirrt, ich erreichte, wie vorgesehen, den Ortsrand von Russily.
Der Ort wurde lediglich kurz berührt und weiter ging es durch Wiesen und Wälder. An einer Stelle verjüngte sich ein Waldgebiet zu einem nur noch etwa 10 m breiten, mit Bäumen bestandenen Streifen. Durch diesen schmalen Waldstreifen führte ein tunnelartiger Hohlweg direkt auf eine Viehweide zu.
Unmittelbar hinter dem Hohlweg stand ein Charolais – Jungbulle. Er nahm mich direkt ins Visier, schnaubte, riss mit seinem rechten Vorderhuf eine ansehnliche Grassode aus der Wiese und warf diese nach hinten. Ich habe wirklich eine ganze zeitlang überlegt, ob ich auf dem Feldweg an der Weide vorbeigehen sollte. Eine akzeptable Umgehung war für mich auf die Schnelle leider nicht erkennbar.
Ich nahm mir ein Herz, öffnete schon mal den Bauchgurt des Rucksacks und lockerte die Schulterträger, damit ich mich im Notfall schnell vom Rucksack befreien und das Weite suchen konnte. Der Jungbulle mampfte weiter sein Gras und schaute mich gelangweilt an, während ich vorsichtig vorbei schlich. Möglicherweise hatte ich ihn auf seiner unendlich ruhigen Weide nur erschreckt.
Und wieder führte mich mein Weg bergab in das nächste Tal, nach Charnaille und in der Folge nach Jambles. Ich passierte den fast angrenzenden Ort Jambles, wo ich mir meine 1,5 Liter Trinkflasche nochmals auffüllen ließ.
Allmählich kamen in mir Gedanken an die nächste Nacht auf. Wo immer ich auch bleiben würde, jetzt hatte ich bis zum morgigen Tag genug zu Trinken und zu Essen dabei.
Hinter Jambles stieg der Weg zum nächsten Hügel wieder an. Ein Blick zurück offenbarte die malerische Lage der beiden Orte in dem stillen Hochtal.
Erneut ging es erst durch einen Waldgürtel, hinauf auf eine heideartige Fläche auf der Höhe.
Diesmal war die riesige Heidefläche zum Teil durch Weidezäune in nicht zu überschauende Parzellen unterteilt. Hier galt es einen engen Durchgang in die grobe Richtung des Örtchens St. Dessert zu finden. In St. Dessert hatten Moni und Thomas ihr Ausweichquartier für Moroges klar gemacht.
An den Zugängen zu den letzten beiden großen Heideflächen mussten jeweils Gatter durchquert werden. Vor dem kommenden Gatter wurde in der Wegbeschreibung ausdrücklich gewarnt. In dem Buch stand „Vorsicht vor dem Stacheldraht“.
Ich erreichte dieses Gatter. Es war etwa drei Meter breit und aus dicken Holzbrettern zusammengenagelt. Zudem war es innen und außen mit reichlich Stacheldraht beschlagen.
Ich hing das Gatter an der einen Seite aus und drückte es leicht auf. Direkt fiel das Konstrukt in sich zusammen, da sich die Bretterverbindungen untereinander im Laufe der Jahre wohl gelockert hatten.
Nach passieren des Gatters versuchte ich es wieder aufzurichten und zu verschließen. Mit Rucksack keine Chance. Ich setzte meinen Rucksack ab. Erneut richtete ich das Gatter mit aller Kraft wieder auf und drückte es zu. Ich stemmte mich mit dem ganzen Körper dagegen und achtete hierbei, wie empfohlen, auf den Stacheldraht.
Als ich gerade mit der einen Hand das Gatter mit der dafür vorgesehenen Drahtschlaufe verschließen wollte, geriet ich (bei kurzer Hose) mit meiner leicht schwitzigen Kniekehle an den verrosteten Draht eines Elektroweidezaunes, der bis dahin im halbhohen Gras nicht sichtbar war.
Bang! Das waren Schmerzen.
Mein Körper zuckte zusammen und in den nächsten zwei drei Minuten war mir richtig schummerig.
Das Gatter krachte bei dem Stromschlag natürlich wieder altersschwach zu Boden.
Nachdem ich es erfolgreich wieder aufgestellt und eingehangen hatte, wurde mir auch klar, warum der junge Charolaisbulle von vorhin so friedlich auf seiner Weide blieb und gebührenden Abstand zum Weidezaun hielt.
Ich fragte mich allen Ernstes mit welchen Stromstärken Weidezäune in Frankreich betrieben werden.
Ein letztes Mal für diesen Tag führte der Weg ins Tal, in den Ort Cercot. Hier musste ich die autobahnähnliche N80 unterqueren. Es folgte ein weitere letzter, dafür umso steilerer Anstieg hinauf nach Moroges, wo ich wohl keine Übernachtungsmöglichkeit zu erwarteten hatte.
Irgendwie fühlte ich mich trotz des heutigen ständigen Bergauf und Bergab und der bereits zurückgelegten Strecke von 26 Kilometern noch relativ fit. Im Gedanken spielte ich damit, noch die sechs Kilometer bis Montagy-les-Buxy weiter zu gehen, wo sich zahlreichere Übernachtungsmöglichkeiten boten.
Mit diesem Gedanken im Kopf lief durch das Straßendorf Moroges, schaute aber dennoch vorsichtshalber nach links und rechts, ob sich nicht irgendwo ein Hinweis auf ein „Chambre“ finden ließ, was im Pilgerführer nicht erwähnt war.
Mein suchender Blick wurde ganz offensichtlich wahrgenommen. Mir kam ein ziemlich alter Peugeot entgegen, der in meiner Höhe mitten auf der Straße anhielt. Dem Fahrzeug entstieg eine noch deutlich ältere Gemeindeschwester, die sich im nach hinein als echter Engel entpuppen sollte. Leider sprach sie nur Französisch. Mit Händen und Füßen fragte sie mich, wo ich schlafen wolle. Ich antwortete ihr, ebenfalls mit Händen und Füßen, in einem Bett, in meinem Zelt oder irgendwo an einem trockenen Platz. Die alte Dame räumte derweil den Beifahrersitz ihres Wagens frei. Ohne weitere Worte nahm sie mir meinen Rucksack ab und packte ihn in den Kofferraum. Danach musste ich einsteigen.
Sie fuhr mich etwa 300 Meter zurück zu einem kleinen Haus.
Hier wohnte der zweite „Engel“ den ich heute kennen lernen durfte. Es handelte sich um Herrn Francois Duniault. Er war der Hausmeister der Dorfschule und kümmerte sich wohl auch um die Kirche und das Kirchanwesen. Die Gemeindeschwester stellte mich kurz vor und verschwand dann ziemlich schnell, so dass ich mich gerade noch mittels Zuruf bei ihr bedanken konnte. Herr Duniault führte mich zu einem anderen kleinen Haus in seiner direkten Nachbarschaft.
Hier, im Dachgeschoss, gab es einen großen und blitzsauberen Doppelraum, der der Einrichtung nach für Kindergruppen genutzt wurde. Herr Duniault schaltete mir den Boiler an, damit ich am Waschbecken warmes Wasser zur Verfügung hatte.
Er händigte mir den Hausschlüssel und den Schulschlüssel aus. Den Schulschlüssel deshalb, weil es in dem Häuschen keine Toilette gab. So musste ich quer über den Kirchplatz zur Schule gehen, um eine Toilette zu erreichen.
Er fragte mich noch, ob ich Alles für ein Abendbrot dabei hätte. Ich erklärte ihm, dass ich Würstchen, Käse und Nüsse dabei hätte und das ein Stück Brot und eine Flasche Wein auf die Nacht vielleicht nicht schlecht wären.
Herr Duniault verstand mich. Er vermittelte mir, dass er sich um das Brot kümmern wolle. Wein gäbe es bei einem Winzer, kaum 100 m Meter von meiner Unterkunft entfernt, zu kaufen. Gleichzeitig griff er zum Telefon und telefonierte mit dem Winzer. Soweit ich verstehen konnte erzählte er begeistert von einem „Pelerin Compostelle“ also von mir. Ich verstand etwas von „bouteille“ und „vin de table“ und „rouge“ also von einem einfachen roten Tafelwein. Er sprach aber auch, eher bittend, von einer „dégustation“, wie ich heute weiß, von einer Verkostung.
Wir gingen auseinander. Herr Duniault fuhr los, um mir ein Stück Brot zu besorgen.
Ich ging zum Winzer, um mir eine Flasche Wein zu kaufen. Mittlerweile hatte Regen eingesetzt.
Auf dem Winzerhof wurde ich direkt von einer älteren Dame freundlich in Empfang genommen.
Sie führte mich in einen rustikalen Verkaufsraum und schon kam ich den Genuss einer umfangreichen Weinprobe. Die Dame schenkte mir begeistert einen edlen Tropfen nach dem anderen in Probiergläser ein. Es galt Burgunderweine der Sorten Pinot Noire, Pinot Blanche, Aligoté und Chardonnay zu verkosten. Darüber hinaus durfte ich zwei champagnerähnliche „Crémants“ in weiß und rosé probieren. Ich hatte lange nichts gegessen und dementsprechend entfalteten die Weine ihre deutliche Wirkung.
Ich war ziemlich froh, dass ich zum Schluss der Verkostung meine Flasche roten Tafelwein zum Preis von 5.60 € übereicht bekam. Ich legte das Geld passend auf den Tisch. Die ältere Dame schob mir die Münzen lächelnd zurück und nahm nur den 5 Euroschein. Schon deutlich beschwingt ging ich zurück in meine zurück in meine Unterkunft.
Gegen 19:30 h kam Herr Duniault zurück und übergab mir ein kleines Baguette. Er erkundigte sich noch, ob alles OK wäre. Natürlich war es das.
Ich machte ihm mit Händen und Füßen klar, dass ich morgen früh zeitig los wollte und deshalb schon mal gerne die Kosten für die Unterkunft begleichen würde. Herr Duniault winkte ab und meinte, dass das Zimmer für mich „gratuit“ sei, also nichts kosten würde. Auch das Baguette wollte er nicht bezahlt haben, obwohl er extra mit seinem Wagen losgefahren war, um es zu besorgen. Ein wahrer Engel.
Aber es sollte noch besser kommen.
Herr Duniault erkundigte sich, wohin ich morgen gehen wollte. Ich sagte ihm, bis St. Gengoux-le-National. Sofort kam wieder das Telefon ins Spiel. Herr Duniault rief seinen Freund, Herrn René Lacroix, an. Herr Lacroix betreut eine Pilgerunterkunft in St. Gengoux und spricht recht gut Deutsch.
Ich konnte selbst mit ihm telefonieren und er reservierte mir für die morgige Nacht ein Zimmer.
Herr Duniault notierte kurzerhand die Anschrift und Telefonnummer des Herrn Lacroix auf einen Zettel, den er mir in die Hand drückte. Danach wünschte er mir eine gute Nacht.
Gegen 20:00 h öffnete ich mir die Flasche Wein und genoss ein ausgiebiges Abendbrot. Ich ließ den langen Tag noch einmal Revue passieren.
Ich kam zum Schluss, dass der Tag durch das ständige bergauf und bergab anstrengend war. Ich hatte, mit „den Kölnern“ ein lustiges und mit dem Weidezaun ein sehr schmerzhaftes Erlebnis.
Das schönste Erlebnis überhaupt war aber die Begegnung mit der liebenswürdig resoluten Gemeindeschwester und der gelebten Gastfreundschaft des Herrn Duniault. Diese Begebenheit wird mir immer in Erinnerung bleiben. Sie war die bislang schönste Erfahrung auf meinem bisherigen Pilgerweg.
An dieser Stelle nochmals meinen herzlichen Dank an die Beiden.
Als ich gestern auf dem Zeltplatz ankam, war die Rezeption geschlossen. Sie war nur am Nachmittag für ein paar Stunden geöffnet. Als ich am gestrigen Abend mit meinen Einkäufen zurückkehrte, hatte die freundliche, junge Dame am Empfang bereits ihren Computer wieder heruntergefahren. Mit einigem Charme entlockte sie mir den Personalausweis, legte ihn in ein Kästchen und sagte mir, ich solle heute früh ab 08:00 h erneut vorbeikommen, um meine Übernachtung zu bezahlen.
Das habe ich auch gemacht. Leider hatte ich einen ziemlich nervtötenden Niederländer vor mir. Er bestand darauf, der jungen Frau auf Englisch zu erklären, was an seinem Fahrrad kaputt sei. Sie sollte den Mangel in französischer Sprache aufschreiben, damit er den Zettel in der Fahrradwerkstatt vorlegen könne. Er gab erst Ruhe, nachdem die junge Frau erklärte, dass sie Brasilianerin sei und sie lange nicht so gut Französisch spräche, wie es sich vielleicht anhören würde.
Gegen 08:30 h konnte ich dann auch endlich meine Rechnung bezahlen, bekam meinen Ausweis wieder und durfte endlich starten. Schnell hatte ich den Ort Chagny durchquert und überquerte am Ortsausgang erst einmal einen Kanal.
Danach wurde es sofort zusehends ländlicher und bald verließ mein Weg die Straßen und führte über einen felsigen Schotterweg immer bergauf auf den nächsten Hügelzug zu.
Hier im Aufstieg traf ich dann auf sie. Große, schwarze, breitkrempige Hüte mit übergroßer, silberner Jakobsmuschel und gewaltige Pilgerstäbe. Der zu erwartende Pilgerumhang wurde allerdings durch hochwertigste Outdoor - Bekleidung ersetzt. Nach der Beschreibung von Moni und Thomas konnten das nur „die beiden Kölner“ sein. Mehr oder weniger sprach ich sie auch so an. Sie erkannten mich sofort als „den Solinger“.
Der Nachrichtendienst unter Pilgern schien also zu funktionieren. Irgendwie ein beruhigendes Gefühl.
Gemeinsam stapften wir bergwärts und erreichten bald eine heideähnliche Hochfläche.
Wir kamen ins Gespräch, ohne uns namentlich vorgestellt zu haben.
Schnell referierte „Der Kölner“ darüber, dass er gemeinsam mit seiner Frau den einzig wahren Jakobsweg begehen würde. Also seiner Meinung nach den von Köln über Trier, Cluny, Le Puy nach Saint-Jean-Pied-de-Port und danach entlang der spanischen Nordküste, da diese ja wie alle Küsten zuerst besiedelt wurde… . Weiter führte er aus, dass er den Weg zum Wandern über den Deutschen Alpenverein gefunden habe und eigentlich aus dem Kletterbereich komme. Es gäbe für ihn nichts Schöneres, als sich in der Natur anhand von Landkarten und Kompass zu bewegen, in den Alpen sei allerdings auch ein Höhenmesser von Vorteil.
„Die Kölnerin“ sprach derweil kaum ein Wort und ging immer mit einigem Abstand hinter uns her.
Plötzlich tönte ein seltsam schnarrendes Signal aus der Hosentasche „des Kölners“. Ich dachte mir noch, welch ein vorzeitlicher Handyklingelton. Falsch gedacht. Ein gezielter Griff in die Hosentasche „des Kölners“ förderte ein Hightech Navigationsgerät hervor, welches verkündete, das wir von der vorgesehenen Route abgewichen waren. Ich glaube, ein leichtes Prusten konnte ich nicht unterdrücken und hatte echte Mühe, nicht vor Lachen ins Heidekraut zu beißen. Jedoch folgte ich den Beiden mit ihrem zuverlässigen Navi, nicht ganz uneigennützig, bis nach Rully.
Ab der Parkanlage setzte ich meinen Weg wieder alleine fort. Er führte mich zunächst steil bergan und aus der Stadt hinaus. Ich passierte am Ortausgang das „Chateau Rully“ eine ansehnliche Schlossanlage.
Schon sehr bald darauf befand ich mich auf einem Hochplateau. Links und rechts der Straße lagen wieder die weitläufigen Weinfelder der Bourgogne.
Im weiteren Verlauf ging es dann durch ein Waldstück mit undurchdringlichen Buchsbaumhecken links und rechts des Weges.
Nach Verlassen des Waldes und einem großen Weinfeld später ereichte ich eine kleine Passhöhe.
Von hier führte ein Fahrweg hinab in den kleinen Ort Mercurey.Linkerhand, direkt am Ortseingang, stand die Kirche „Notre Dame De Mercurey“. Auf dem Vorplatz gab es einige Hinweistafeln zur Bedeutung und Entstehung der Kirche. Darauf war auch ein schöner Stempel abgebildet, den ich unbedingt in meinem Pilgerpass haben wollte. Leider war die Kirche verschlossen.
Am dritten Haus traf ich auf eine aparte Bewohnerin, die sehr gut Englisch sprach. Sie erklärte mir, dass ein paar Straßen weiter, in der Rue de Chamerose das Weingut der Mme Janine Menand läge. Mme Menand besäße einen Schlüssel für die Kirche. Ich suchte das Weingut und traf auf Frau Menand. Sie erklärte sich sofort bereit, mit mir die 400 m zurück zur Kirche zu gehen, um mir dort einen Stempel in den Ausweis zu drücken.
Nach Durchquerung des Ortes stieg der Weg wieder in den nächsten Weinberg an.
Bei einem Blick über Mercurey hinweg zurück, erkannte ich gut den Fahrweg, auf dem ich zuvor vom letzten Weinberg kommen hinab in den Ort gewandert war.
Auf der nächsten Anhöhe passierte ich die alte Kirche Saint-Symphorien-de-Touches.
Von dieser Höhe ging es wieder hinab ins Tal, nach Saint-Martin-sous-Montaigu. Ein Blick in die Lankarte bestätigte meinen Verdacht.
Das gemächliche Wandern zwischen den ebenen Weinfeldern oder immer auf halber Höhe entlang der Weinberge schien beendet. Der heutige Weg führte ganz offensichtlich quer zur Geländefaltung, sodass ich noch den einen oder anderen Auf- und Abstieg vor mit hatte. Ich kümmerte mich nicht darum, denn das Laufen fiel mir heute leicht.
Am Fuß einer Schichtmauer entdeckte einen ganz besonderen Bewohner. Normalerweise huschen hier kleine, schlanke, braune Eidechsen zwischen den Steinen hin und her.
Auf einem platten Stein sonnte sich ein auffallend großes und fettes Exemplar einer grünen Eidechse. Sie flüchtete netterweise nicht sofort und gab mir die Gelegenheit zu einem gelungenen Schnappschuss.
Nach der Durchquerung von Saint-Martin-sous-Montaigu ging es direkt wieder hinauf auf den nächsten Höhenzug. Ein endlos erscheinender und schwer zu gehender felsiger Weg führte mich ständig bergan. Er zog und zog sich. Ich musste nach einiger Zeit eine kleine Pause einlegen und einen ordentlichen Schluck aus meiner Wasserflasche nehmen.
Die weitere Wegbeschreibung verhieß nichts Gutes. So sollte der Weg am oberen Ende des Waldes den Eindruck vermitteln, als sei man bereits oben angekommen. Danach setzte der Pfad sich aber, immer noch stets bergan führend, durch eine große Heidefläche fort, die die gesamte Bergkuppe bedeckte. Endlich hatte ich den Gipfel des Hügels erreicht und pausierte ein weiteres Mal unter einem der typischen Steinkreuze an einer Wegkreuzung. Ich war ganz gut außer Atem.
In Gedanken stellte ich mir bereits vor, wie es in der Auvergne zugehen würde, wo die Hügel deutlich mehr als doppelt so hoch waren wie hier. Schon bald darauf erschloss sich aus der Höhe in östlicher Richtung ein toller Blick hinunter auf Chalon-sur-Saone, der französischen Partnerstadt meines Wohnortes Solingens.
Manchmal schien sich der Weg durch die grasige Hochfläche zu verlieren und war zum Teil nur zu erahnen. Offensichtlich hatte sich mein Gefühl nicht geirrt, ich erreichte, wie vorgesehen, den Ortsrand von Russily.
Der Ort wurde lediglich kurz berührt und weiter ging es durch Wiesen und Wälder. An einer Stelle verjüngte sich ein Waldgebiet zu einem nur noch etwa 10 m breiten, mit Bäumen bestandenen Streifen. Durch diesen schmalen Waldstreifen führte ein tunnelartiger Hohlweg direkt auf eine Viehweide zu.
Unmittelbar hinter dem Hohlweg stand ein Charolais – Jungbulle. Er nahm mich direkt ins Visier, schnaubte, riss mit seinem rechten Vorderhuf eine ansehnliche Grassode aus der Wiese und warf diese nach hinten. Ich habe wirklich eine ganze zeitlang überlegt, ob ich auf dem Feldweg an der Weide vorbeigehen sollte. Eine akzeptable Umgehung war für mich auf die Schnelle leider nicht erkennbar.
Ich nahm mir ein Herz, öffnete schon mal den Bauchgurt des Rucksacks und lockerte die Schulterträger, damit ich mich im Notfall schnell vom Rucksack befreien und das Weite suchen konnte. Der Jungbulle mampfte weiter sein Gras und schaute mich gelangweilt an, während ich vorsichtig vorbei schlich. Möglicherweise hatte ich ihn auf seiner unendlich ruhigen Weide nur erschreckt.
Und wieder führte mich mein Weg bergab in das nächste Tal, nach Charnaille und in der Folge nach Jambles. Ich passierte den fast angrenzenden Ort Jambles, wo ich mir meine 1,5 Liter Trinkflasche nochmals auffüllen ließ.
Allmählich kamen in mir Gedanken an die nächste Nacht auf. Wo immer ich auch bleiben würde, jetzt hatte ich bis zum morgigen Tag genug zu Trinken und zu Essen dabei.
Hinter Jambles stieg der Weg zum nächsten Hügel wieder an. Ein Blick zurück offenbarte die malerische Lage der beiden Orte in dem stillen Hochtal.
Erneut ging es erst durch einen Waldgürtel, hinauf auf eine heideartige Fläche auf der Höhe.
Diesmal war die riesige Heidefläche zum Teil durch Weidezäune in nicht zu überschauende Parzellen unterteilt. Hier galt es einen engen Durchgang in die grobe Richtung des Örtchens St. Dessert zu finden. In St. Dessert hatten Moni und Thomas ihr Ausweichquartier für Moroges klar gemacht.
An den Zugängen zu den letzten beiden großen Heideflächen mussten jeweils Gatter durchquert werden. Vor dem kommenden Gatter wurde in der Wegbeschreibung ausdrücklich gewarnt. In dem Buch stand „Vorsicht vor dem Stacheldraht“.
Ich erreichte dieses Gatter. Es war etwa drei Meter breit und aus dicken Holzbrettern zusammengenagelt. Zudem war es innen und außen mit reichlich Stacheldraht beschlagen.
Ich hing das Gatter an der einen Seite aus und drückte es leicht auf. Direkt fiel das Konstrukt in sich zusammen, da sich die Bretterverbindungen untereinander im Laufe der Jahre wohl gelockert hatten.
Nach passieren des Gatters versuchte ich es wieder aufzurichten und zu verschließen. Mit Rucksack keine Chance. Ich setzte meinen Rucksack ab. Erneut richtete ich das Gatter mit aller Kraft wieder auf und drückte es zu. Ich stemmte mich mit dem ganzen Körper dagegen und achtete hierbei, wie empfohlen, auf den Stacheldraht.
Als ich gerade mit der einen Hand das Gatter mit der dafür vorgesehenen Drahtschlaufe verschließen wollte, geriet ich (bei kurzer Hose) mit meiner leicht schwitzigen Kniekehle an den verrosteten Draht eines Elektroweidezaunes, der bis dahin im halbhohen Gras nicht sichtbar war.
Bang! Das waren Schmerzen.
Mein Körper zuckte zusammen und in den nächsten zwei drei Minuten war mir richtig schummerig.
Das Gatter krachte bei dem Stromschlag natürlich wieder altersschwach zu Boden.
Nachdem ich es erfolgreich wieder aufgestellt und eingehangen hatte, wurde mir auch klar, warum der junge Charolaisbulle von vorhin so friedlich auf seiner Weide blieb und gebührenden Abstand zum Weidezaun hielt.
Ich fragte mich allen Ernstes mit welchen Stromstärken Weidezäune in Frankreich betrieben werden.
Ein letztes Mal für diesen Tag führte der Weg ins Tal, in den Ort Cercot. Hier musste ich die autobahnähnliche N80 unterqueren. Es folgte ein weitere letzter, dafür umso steilerer Anstieg hinauf nach Moroges, wo ich wohl keine Übernachtungsmöglichkeit zu erwarteten hatte.
Irgendwie fühlte ich mich trotz des heutigen ständigen Bergauf und Bergab und der bereits zurückgelegten Strecke von 26 Kilometern noch relativ fit. Im Gedanken spielte ich damit, noch die sechs Kilometer bis Montagy-les-Buxy weiter zu gehen, wo sich zahlreichere Übernachtungsmöglichkeiten boten.
Mit diesem Gedanken im Kopf lief durch das Straßendorf Moroges, schaute aber dennoch vorsichtshalber nach links und rechts, ob sich nicht irgendwo ein Hinweis auf ein „Chambre“ finden ließ, was im Pilgerführer nicht erwähnt war.
Mein suchender Blick wurde ganz offensichtlich wahrgenommen. Mir kam ein ziemlich alter Peugeot entgegen, der in meiner Höhe mitten auf der Straße anhielt. Dem Fahrzeug entstieg eine noch deutlich ältere Gemeindeschwester, die sich im nach hinein als echter Engel entpuppen sollte. Leider sprach sie nur Französisch. Mit Händen und Füßen fragte sie mich, wo ich schlafen wolle. Ich antwortete ihr, ebenfalls mit Händen und Füßen, in einem Bett, in meinem Zelt oder irgendwo an einem trockenen Platz. Die alte Dame räumte derweil den Beifahrersitz ihres Wagens frei. Ohne weitere Worte nahm sie mir meinen Rucksack ab und packte ihn in den Kofferraum. Danach musste ich einsteigen.
Sie fuhr mich etwa 300 Meter zurück zu einem kleinen Haus.
Hier wohnte der zweite „Engel“ den ich heute kennen lernen durfte. Es handelte sich um Herrn Francois Duniault. Er war der Hausmeister der Dorfschule und kümmerte sich wohl auch um die Kirche und das Kirchanwesen. Die Gemeindeschwester stellte mich kurz vor und verschwand dann ziemlich schnell, so dass ich mich gerade noch mittels Zuruf bei ihr bedanken konnte. Herr Duniault führte mich zu einem anderen kleinen Haus in seiner direkten Nachbarschaft.
Hier, im Dachgeschoss, gab es einen großen und blitzsauberen Doppelraum, der der Einrichtung nach für Kindergruppen genutzt wurde. Herr Duniault schaltete mir den Boiler an, damit ich am Waschbecken warmes Wasser zur Verfügung hatte.
Er händigte mir den Hausschlüssel und den Schulschlüssel aus. Den Schulschlüssel deshalb, weil es in dem Häuschen keine Toilette gab. So musste ich quer über den Kirchplatz zur Schule gehen, um eine Toilette zu erreichen.
Er fragte mich noch, ob ich Alles für ein Abendbrot dabei hätte. Ich erklärte ihm, dass ich Würstchen, Käse und Nüsse dabei hätte und das ein Stück Brot und eine Flasche Wein auf die Nacht vielleicht nicht schlecht wären.
Herr Duniault verstand mich. Er vermittelte mir, dass er sich um das Brot kümmern wolle. Wein gäbe es bei einem Winzer, kaum 100 m Meter von meiner Unterkunft entfernt, zu kaufen. Gleichzeitig griff er zum Telefon und telefonierte mit dem Winzer. Soweit ich verstehen konnte erzählte er begeistert von einem „Pelerin Compostelle“ also von mir. Ich verstand etwas von „bouteille“ und „vin de table“ und „rouge“ also von einem einfachen roten Tafelwein. Er sprach aber auch, eher bittend, von einer „dégustation“, wie ich heute weiß, von einer Verkostung.
Wir gingen auseinander. Herr Duniault fuhr los, um mir ein Stück Brot zu besorgen.
Ich ging zum Winzer, um mir eine Flasche Wein zu kaufen. Mittlerweile hatte Regen eingesetzt.
Auf dem Winzerhof wurde ich direkt von einer älteren Dame freundlich in Empfang genommen.
Sie führte mich in einen rustikalen Verkaufsraum und schon kam ich den Genuss einer umfangreichen Weinprobe. Die Dame schenkte mir begeistert einen edlen Tropfen nach dem anderen in Probiergläser ein. Es galt Burgunderweine der Sorten Pinot Noire, Pinot Blanche, Aligoté und Chardonnay zu verkosten. Darüber hinaus durfte ich zwei champagnerähnliche „Crémants“ in weiß und rosé probieren. Ich hatte lange nichts gegessen und dementsprechend entfalteten die Weine ihre deutliche Wirkung.
Ich war ziemlich froh, dass ich zum Schluss der Verkostung meine Flasche roten Tafelwein zum Preis von 5.60 € übereicht bekam. Ich legte das Geld passend auf den Tisch. Die ältere Dame schob mir die Münzen lächelnd zurück und nahm nur den 5 Euroschein. Schon deutlich beschwingt ging ich zurück in meine zurück in meine Unterkunft.
Gegen 19:30 h kam Herr Duniault zurück und übergab mir ein kleines Baguette. Er erkundigte sich noch, ob alles OK wäre. Natürlich war es das.
Ich machte ihm mit Händen und Füßen klar, dass ich morgen früh zeitig los wollte und deshalb schon mal gerne die Kosten für die Unterkunft begleichen würde. Herr Duniault winkte ab und meinte, dass das Zimmer für mich „gratuit“ sei, also nichts kosten würde. Auch das Baguette wollte er nicht bezahlt haben, obwohl er extra mit seinem Wagen losgefahren war, um es zu besorgen. Ein wahrer Engel.
Aber es sollte noch besser kommen.
Herr Duniault erkundigte sich, wohin ich morgen gehen wollte. Ich sagte ihm, bis St. Gengoux-le-National. Sofort kam wieder das Telefon ins Spiel. Herr Duniault rief seinen Freund, Herrn René Lacroix, an. Herr Lacroix betreut eine Pilgerunterkunft in St. Gengoux und spricht recht gut Deutsch.
Ich konnte selbst mit ihm telefonieren und er reservierte mir für die morgige Nacht ein Zimmer.
Herr Duniault notierte kurzerhand die Anschrift und Telefonnummer des Herrn Lacroix auf einen Zettel, den er mir in die Hand drückte. Danach wünschte er mir eine gute Nacht.
Gegen 20:00 h öffnete ich mir die Flasche Wein und genoss ein ausgiebiges Abendbrot. Ich ließ den langen Tag noch einmal Revue passieren.
Ich kam zum Schluss, dass der Tag durch das ständige bergauf und bergab anstrengend war. Ich hatte, mit „den Kölnern“ ein lustiges und mit dem Weidezaun ein sehr schmerzhaftes Erlebnis.
Das schönste Erlebnis überhaupt war aber die Begegnung mit der liebenswürdig resoluten Gemeindeschwester und der gelebten Gastfreundschaft des Herrn Duniault. Diese Begebenheit wird mir immer in Erinnerung bleiben. Sie war die bislang schönste Erfahrung auf meinem bisherigen Pilgerweg.
An dieser Stelle nochmals meinen herzlichen Dank an die Beiden.
Etappe
34
Am 18.09.2012
Von Chagny
über Rully und Mercurey nach Moroges
Streckenlänge:
26 Kilometer
Gegen 07:00 h war ich aufgestanden und
habe mein Zelt abgebaut. Peter aus Köln, im Nachbarzelt, schien offensichtlich
noch zu schlafen.
Als ich gestern auf dem Zeltplatz ankam,
war die Rezeption geschlossen. Sie war nur am Nachmittag für ein paar Stunden
geöffnet. Als ich am gestrigen Abend mit meinen Einkäufen zurückkehrte, hatte
die freundliche, junge Dame am Empfang bereits ihren Computer wieder heruntergefahren.
Mit einigem Charme entlockte sie mir den Personalausweis, legte ihn in ein
Kästchen und sagte mir, ich solle heute früh ab 08:00 h erneut vorbeikommen, um
meine Übernachtung zu bezahlen.
Das habe ich auch gemacht. Leider hatte
ich einen ziemlich nervtötenden Niederländer vor mir. Er bestand darauf, der jungen
Frau auf Englisch zu erklären, was an seinem Fahrrad kaputt sei. Sie sollte den
Mangel in französischer Sprache aufschreiben, damit er den Zettel in der
Fahrradwerkstatt vorlegen könne.
Er gab erst Ruhe, nachdem die junge Frau erklärte,
dass sie Brasilianerin sei und sie lange nicht so gut Französisch spräche, wie
es sich vielleicht anhören würde.
Gegen 08:30 h konnte ich dann auch endlich
meine Rechnung bezahlen, bekam meinen Ausweis wieder und durfte endlich
starten.
Schnell hatte ich den Ort Chagny
durchquert und überquerte am Ortsausgang erst einmal einen Kanal.
Danach wurde es sofort zusehends
ländlicher und bald verließ mein Weg die Straßen und führte über einen felsigen
Schotterweg immer bergauf auf den
nächsten Hügelzug zu.
Hier im Aufstieg traf ich dann auf sie.
Große, schwarze, breitkrempige Hüte mit übergroßer, silberner Jakobsmuschel und
gewaltige Pilgerstäbe. Der zu erwartende
Pilgerumhang wurde allerdings durch hochwertigste Outdoor - Bekleidung ersetzt.
Nach der Beschreibung von Moni und Thomas konnten das nur „die beiden Kölner“
sein. Mehr oder weniger sprach ich sie auch so an. Sie erkannten mich sofort
als „den Solinger“.
Der Nachrichtendienst unter Pilgern schien
also zu funktionieren. Irgendwie ein beruhigendes Gefühl.
Gemeinsam stapften
wir bergwärts und erreichten bald eine heideähnliche Hochfläche.
Wir kamen ins
Gespräch, ohne uns namentlich vorgestellt zu haben.
Schnell referierte
„Der Kölner“ darüber, dass er gemeinsam mit seiner Frau den einzig wahren
Jakobsweg begehen würde. Also seiner Meinung nach den von Köln über Trier,
Cluny, Le Puy nach Saint-Jean-Pied-de-Port und danach entlang der spanischen
Nordküste, da diese ja wie alle Küsten zuerst besiedelt wurde… . Weiter führte
er aus, dass er den Weg zum Wandern über den Deutschen Alpenverein gefunden
habe und eigentlich aus dem Kletterbereich komme. Es gäbe für ihn nichts
Schöneres, als sich in der Natur anhand von Landkarten und Kompass zu bewegen,
in den Alpen sei allerdings auch ein Höhenmesser von Vorteil.
„Die Kölnerin“
sprach derweil kaum ein Wort und ging immer mit einigem Abstand hinter uns her.
Plötzlich tönte
ein seltsam schnarrendes Signal aus der Hosentasche „des Kölners“.
Ich dachte mir
noch, welch ein vorzeitlicher Handyklingelton. Falsch gedacht.
Ein gezielter
Griff in die Hosentasche „des Kölners“ förderte ein Hightech Navigationsgerät
hervor, welches verkündete, das wir von der vorgesehenen Route abgewichen
waren. Ich glaube, ein leichtes Prusten konnte ich nicht unterdrücken und hatte
echte Mühe, nicht vor Lachen ins Heidekraut zu beißen.
Jedoch folgte ich
den Beiden mit ihrem zuverlässigen Navi, nicht ganz uneigennützig, bis nach
Rully.
In dem Ort konnte
ich meinen Weg anhand der Beschreibung und der Kennzeichnung wieder alleine
aufnehmen.
In einer kleinen
Parkanlage in Rully traf ich erneut auf Moni und Thomas. Ich blieb auf ein
kurzes Gespräch bei ihnen und ließ „die Kölner“ ziehen.
In einem kleinen
Lebensmittelgeschäft kaufte ich eine große Weintraube und ein paar kleine
Tomaten.
Wie sich später
herausstellten sollte, sind Weintrauben auf nüchternen Magen nicht unbedingt
die allererste Wahl, zumal sie, gelinde gesagt, die Verdauung stark
anregen.
Ab der Parkanlage
setzte ich meinen Weg wieder alleine fort. Er führte mich zunächst steil bergan
und aus der Stadt hinaus.
Ich passierte am
Ortausgang das „Chateau Rully“ eine ansehnliche Schlossanlage.
Schon sehr bald
darauf befand ich mich auf einem Hochplateau. Links und rechts der Straße lagen
wieder die weitläufigen Weinfelder der Bourgogne.
Im weiteren
Verlauf ging es dann durch ein Waldstück mit undurchdringlichen Buchsbaumhecken
links und rechts des Weges.
Nach Verlassen des Waldes und einem großen
Weinfeld später ereichte ich eine kleine Passhöhe.
Von hier führte ein Fahrweg hinab in den
kleinen Ort Mercurey.
Linkerhand, direkt am Ortseingang, stand
die Kirche „Notre Dame De Mercurey“. Auf dem Vorplatz gab es einige
Hinweistafeln zur Bedeutung und Entstehung der Kirche. Darauf war auch ein
schöner Stempel abgebildet, den ich unbedingt in meinem Pilgerpass haben
wollte. Leider war die Kirche verschlossen.
Am dritten Haus traf ich auf eine aparte
Bewohnerin, die sehr gut Englisch sprach. Sie erklärte mir, dass ein paar
Straßen weiter, in der Rue de Chamerose das Weingut der Mme Janine Menand läge.
Mme Menand besäße einen Schlüssel für die Kirche. Ich suchte das Weingut und
traf auf Frau Menand. Sie erklärte sich sofort bereit, mit mir die 400 m zurück
zur Kirche zu gehen, um mir dort einen Stempel in den Ausweis zu drücken.
Nach Durchquerung des Ortes stieg der Weg
wieder in den nächsten Weinberg an.
Bei einem Blick über Mercurey hinweg
zurück, erkannte ich gut den Fahrweg, auf dem ich zuvor vom letzten Weinberg
kommen hinab in den Ort gewandert war.
Auf der nächsten Anhöhe passierte ich die
alte Kirche Saint-Symphorien-de-Touches.
Von dieser Höhe ging es wieder hinab ins
Tal, nach Saint-Martin-sous-Montaigu. Ein Blick in die Lankarte bestätigte
meinen Verdacht.
Das gemächliche Wandern zwischen den
ebenen Weinfeldern oder immer auf halber Höhe entlang der Weinberge schien
beendet. Der heutige Weg führte ganz offensichtlich quer zur Geländefaltung,
sodass ich noch den einen oder anderen Auf- und Abstieg vor mit hatte. Ich
kümmerte mich nicht darum, denn das Laufen fiel mir heute leicht.
Am Fuß einer Schichtmauer entdeckte einen
ganz besonderen Bewohner. Normalerweise huschen hier kleine, schlanke, braune
Eidechsen zwischen den Steinen hin und her.
Auf einem platten Stein sonnte sich ein
auffallend großes und fettes Exemplar einer grünen Eidechse. Sie flüchtete
netterweise nicht sofort und gab mir die Gelegenheit zu einem gelungenen
Schnappschuss.
Nach der Durchquerung von
Saint-Martin-sous-Montaigu ging es
direkt wieder hinauf auf den nächsten Höhenzug.
Ein endlos erscheinender und schwer zu
gehender felsiger Weg führte mich ständig bergan. Er zog und zog sich.
Ich musste nach einiger Zeit eine kleine
Pause einlegen und einen ordentlichen Schluck aus meiner Wasserflasche nehmen.
Die weitere Wegbeschreibung verhieß nichts
Gutes.
So sollte der Weg am oberen Ende des
Waldes den Eindruck vermitteln, als sei man bereits oben angekommen.
Danach setzte der Pfad sich aber, immer
noch stets bergan führend, durch eine große Heidefläche fort, die die gesamte
Bergkuppe bedeckte.
Endlich hatte ich den Gipfel des Hügels
erreicht und pausierte ein weiteres Mal unter einem der typischen Steinkreuze
an einer Wegkreuzung.
Ich war ganz gut außer Atem.
In Gedanken stellte ich mir bereits vor,
wie es in der Auvergne zugehen würde, wo die Hügel deutlich mehr als doppelt so
hoch waren wie hier.
Schon bald darauf erschloss sich aus der
Höhe in östlicher Richtung ein toller Blick hinunter auf
Chalon-sur-Saone, der französischen
Partnerstadt meines Wohnortes Solingens.
Manchmal schien sich der Weg durch die
grasige Hochfläche zu verlieren und war zum Teil nur zu erahnen. Offensichtlich
hatte sich mein Gefühl nicht geirrt, ich erreichte, wie vorgesehen, den Ortsrand von Russily.
Der Ort wurde lediglich kurz berührt und
weiter ging es durch Wiesen und Wälder. An einer Stelle verjüngte sich ein
Waldgebiet zu einem nur noch etwa 10 m breiten, mit Bäumen bestandenen
Streifen.
Durch diesen schmalen Waldstreifen führte
ein tunnelartiger Hohlweg direkt auf eine Viehweide zu.
Unmittelbar hinter dem Hohlweg stand ein
Charolais – Jungbulle. Er nahm mich direkt ins Visier, schnaubte, riss mit
seinem rechten Vorderhuf eine ansehnliche Grassode aus der Wiese und warf diese
nach hinten. Ich habe wirklich eine ganze zeitlang überlegt, ob ich auf dem
Feldweg an der Weide vorbeigehen sollte.
Eine akzeptable Umgehung war für mich auf die Schnelle leider nicht erkennbar.
Ich nahm mir ein Herz, öffnete schon mal
den Bauchgurt des Rucksacks und lockerte
die Schulterträger, damit ich mich im Notfall schnell vom Rucksack befreien und
das Weite suchen konnte.
Der Jungbulle mampfte weiter sein Gras und
schaute mich gelangweilt an, während ich vorsichtig vorbei schlich.
Möglicherweise hatte ich ihn auf seiner unendlich ruhigen Weide nur erschreckt.
Und wieder führte mich mein Weg bergab in
das nächste Tal, nach Charnaille und in der Folge nach Jambles.
Ich passierte den fast angrenzenden Ort
Jambles, wo ich mir meine 1,5 Liter Trinkflasche nochmals auffüllen ließ.
Allmählich kamen in mir Gedanken an die
nächste Nacht auf. Wo immer ich auch bleiben würde, jetzt hatte ich bis zum
morgigen Tag genug zu Trinken und zu Essen dabei.
Hinter Jambles stieg der Weg zum nächsten
Hügel wieder an. Ein Blick zurück offenbarte die malerische Lage der beiden
Orte in dem stillen Hochtal.
Erneut ging es erst durch einen
Waldgürtel, hinauf auf eine heideartige Fläche auf der Höhe.
Diesmal war die riesige Heidefläche zum
Teil durch Weidezäune in nicht zu überschauende Parzellen unterteilt. Hier galt
es einen engen Durchgang in die grobe Richtung des Örtchens St. Dessert zu
finden.
In St. Dessert hatten Moni und Thomas ihr
Ausweichquartier für Moroges klar gemacht.
An den Zugängen zu den letzten beiden
großen Heideflächen mussten jeweils Gatter durchquert werden.
Vor dem kommenden Gatter wurde in der
Wegbeschreibung ausdrücklich gewarnt. In dem Buch stand „Vorsicht vor dem Stacheldraht“.
Ich erreichte dieses Gatter. Es war etwa
drei Meter breit und aus dicken Holzbrettern zusammengenagelt. Zudem war es
innen und außen mit reichlich Stacheldraht beschlagen.
Ich hing das Gatter an der einen Seite aus
und drückte es leicht auf. Direkt fiel das Konstrukt in sich zusammen, da sich
die Bretterverbindungen untereinander im Laufe der Jahre wohl gelockert hatten.
Nach passieren des Gatters versuchte ich
es wieder aufzurichten und zu verschließen. Mit Rucksack keine Chance. Ich
setzte meinen Rucksack ab. Erneut richtete ich das Gatter mit aller Kraft
wieder auf und drückte es zu. Ich stemmte mich mit dem ganzen Körper dagegen
und achtete hierbei, wie empfohlen, auf den Stacheldraht.
Als ich gerade mit der einen Hand das
Gatter mit der dafür vorgesehenen Drahtschlaufe verschließen wollte, geriet ich
(bei kurzer Hose) mit meiner leicht schwitzigen Kniekehle an den verrosteten
Draht eines Elektroweidezaunes, der bis dahin im halbhohen Gras nicht sichtbar
war.
Bang
vmV. Das waren Schmerzen. Meine Haare standen
wieder korrekt senkrecht und unwillkürlich schaute ich nach, ob ich meine
Schuhe noch an hatte.
Mein Körper zuckte zusammen und in den
nächsten zwei drei Minuten war mir richtig schummerig.
Das Gatter krachte bei dem Stromschlag
natürlich wieder altersschwach zu Boden.
Nachdem ich es erfolgreich wieder
aufgestellt und eingehangen hatte, wurde mir auch klar, warum der junge
Charolaisbulle von vorhin so friedlich auf seiner Weide blieb und gebührenden
Abstand zum Weidezaun hielt.
Ich fragte mich allen Ernstes mit welchen
Stromstärken Weidezäune in Frankreich betrieben werden.
Oder war man als Kind vielleicht wirklich
schmerzfrei. Schließlich hatten wir als Kinder im Bergischen Land hin und
wieder eine Mutprobe daraus gemacht, einen Elektroweidezaun anzufassen.
Ein letztes Mal für diesen Tag führte der
Weg ins Tal, in den Ort Cercot. Hier musste ich die autobahnähnliche N80
unterqueren. Es folgte ein weitere letzter, dafür umso steilerer Anstieg hinauf
nach Moroges, wo ich wohl keine Übernachtungsmöglichkeit zu erwarteten hatte.
Irgendwie fühlte ich mich trotz des
heutigen ständigen Bergauf und Bergab und der bereits zurückgelegten Strecke
von 26 Kilometern noch relativ fit. Im Gedanken spielte ich damit, noch die
sechs Kilometer bis
Montagy-les-Buxy weiter zu gehen, wo sich
zahlreichere Übernachtungsmöglichkeiten boten.
Mit diesem Gedanken im Kopf lief durch das
Straßendorf Moroges, schaute aber dennoch vorsichtshalber nach links und
rechts, ob sich nicht irgendwo ein Hinweis auf ein „Chambre“ finden ließ, was
im Pilgerführer nicht erwähnt war.
Mein suchender Blick wurde ganz
offensichtlich wahrgenommen. Mir kam ein ziemlich alter Peugeot entgegen, der
in meiner Höhe mitten auf der Straße anhielt. Dem Fahrzeug entstieg eine noch
deutlich ältere Gemeindeschwester, die sich im nach hinein als echter Engel
entpuppen sollte. Leider sprach sie nur Französisch. Mit Händen und Füßen
fragte sie mich, wo ich schlafen wolle. Ich antwortete ihr, ebenfalls mit
Händen und Füßen, in einem Bett, in meinem Zelt oder irgendwo an einem
trockenen Platz.
Die alte Dame räumte derweil den
Beifahrersitz ihres Wagens frei. Ohne weitere Worte nahm sie mir meinen
Rucksack ab und packte ihn in den Kofferraum. Danach musste ich einsteigen.
Sie fuhr mich etwa 300 Meter zurück zu
einem kleinen Haus. Hier wohnte der zweite „Engel“ den ich heute kennen lernen
durfte.
Es handelte sich um Herrn Francois
Duniault.
Er war der Hausmeister der Dorfschule und
kümmerte sich wohl auch um die Kirche und das Kirchanwesen.
Die Gemeindeschwester stellte mich kurz
vor und verschwand dann ziemlich schnell, so dass ich mich gerade noch mittels
Zuruf bei ihr bedanken konnte.
Herr Duniault
führte mich zu einem anderen kleinen Haus in seiner direkten Nachbarschaft.
Hier, im Dachgeschoss, gab es einen großen
und blitzsauberen Doppelraum, der der
Einrichtung nach für Kindergruppen genutzt wurde. Herr Duniault schaltete mir
den Boiler an, damit ich am Waschbecken warmes Wasser zur Verfügung hatte.
Er händigte mir den Hausschlüssel und den
Schulschlüssel aus. Den Schulschlüssel deshalb, weil es in dem Häuschen keine
Toilette gab. So musste ich quer über den Kirchplatz zur Schule gehen, um eine
Toilette zu erreichen.
Er fragte mich noch, ob ich Alles für ein
Abendbrot dabei hätte. Ich erklärte ihm, dass ich Würstchen, Käse und Nüsse
dabei hätte und das ein Stück Brot und eine Flasche Wein auf die Nacht
vielleicht nicht schlecht wären.
Herr Duniault verstand mich. Er
vermittelte mir, dass er sich um das Brot kümmern wolle. Wein gäbe es bei einem
Winzer, kaum 100 m Meter von meiner Unterkunft entfernt, zu kaufen.
Gleichzeitig griff er zum Telefon und telefonierte mit dem Winzer.
Soweit ich verstehen konnte erzählte er
begeistert von einem „Pelerin Compostelle“ also von mir.
Ich verstand etwas von „bouteille“ und „vin de table“ und „rouge“
also von einem einfachen roten Tafelwein.
Er sprach aber auch, eher bittend, von
einer „dégustation“, wie ich heute weiß, von einer Verkostung.
Wir gingen auseinander. Herr Duniault fuhr
los, um mir ein Stück Brot zu besorgen.
Ich ging zum Winzer, um mir eine Flasche
Wein zu kaufen. Mittlerweile hatte Regen eingesetzt.
Auf dem Winzerhof wurde ich direkt von
einer älteren Dame freundlich in Empfang genommen.
Sie führte mich in einen rustikalen
Verkaufsraum und schon kam ich den Genuss einer umfangreichen Weinprobe. Die
Dame schenkte mir begeistert einen edlen Tropfen nach dem anderen in
Probiergläser ein.
Es galt Burgunderweine der Sorten Pinot
Noire, Pinot Blanche, Aligoté und Chardonnay zu verkosten.
Darüber hinaus durfte ich zwei
champagnerähnliche „Crémants“ in weiß und rosé probieren.
Ich hatte lange nichts gegessen und
dementsprechend entfalteten die Weine ihre deutliche Wirkung.
Ich war ziemlich froh, dass ich zum
Schluss der Verkostung meine Flasche roten Tafelwein zum Preis von 5.60 €
übereicht bekam. Ich legte das Geld passend auf den Tisch. Die ältere Dame
schob mir die Münzen lächelnd zurück und nahm nur den 5 Euroschein. Schon
deutlich beschwingt ging ich zurück in meine zurück in meine Unterkunft.
Gegen 19:30 h kam Herr Duniault zurück und
übergab mir ein kleines Baguette. Er erkundigte sich noch, ob alles OK wäre.
Natürlich war es das.
Ich machte ihm mit Händen und Füßen klar,
dass ich morgen früh zeitig los wollte und deshalb schon mal gerne die Kosten
für die Unterkunft begleichen würde. Herr Duniault winkte ab und meinte, dass
das Zimmer für mich „gratuit“ sei, also nichts kosten würde. Auch das Baguette
wollte er nicht bezahlt haben, obwohl er extra mit seinem Wagen losgefahren
war, um es zu besorgen. Ein wahrer Engel.
Aber es sollte noch besser kommen.
Herr Duniault erkundigte sich, wohin ich
morgen gehen wollte. Ich sagte ihm, bis St. Gengoux-le-National.
Sofort kam wieder das Telefon ins Spiel.
Herr Duniault rief seinen Freund, Herrn René Lacroix, an.
Herr Lacroix betreut eine Pilgerunterkunft
in St. Gengoux und spricht recht gut Deutsch.
Ich konnte selbst mit ihm telefonieren und
er reservierte mir für die morgige Nacht ein Zimmer.
Herr Duniault notierte kurzerhand die
Anschrift und Telefonnummer des Herrn Lacroix auf einen Zettel, den er mir in
die Hand drückte. Danach wünschte er mir eine gute Nacht.
Gegen 20:00 h öffnete ich mir die Flasche
Wein und genoss ein ausgiebiges Abendbrot.
Ich ließ den langen Tag noch einmal Revue passieren.
Ich kam zum Schluss, dass der Tag durch
das ständige bergauf und bergab anstrengend war. Ich hatte, mit „den Kölnern“
ein lustiges und mit dem Weidezaun ein sehr schmerzhaftes Erlebnis.
Das schönste Erlebnis überhaupt war aber
die Begegnung mit der liebenswürdig resoluten Gemeindeschwester und der
gelebten Gastfreundschaft des Herrn Duniault. Diese Begebenheit wird mir immer
in Erinnerung bleiben. Sie war die bislang schönste Erfahrung auf meinem
bisherigen Pilgerweg.
An dieser Stelle nochmals meinen
herzlichen Dank an die Beiden.
Etappe
34
Am 18.09.2012
Von Chagny
über Rully und Mercurey nach Moroges
Streckenlänge:
26 Kilometer
Gegen 07:00 h war ich aufgestanden und
habe mein Zelt abgebaut. Peter aus Köln, im Nachbarzelt, schien offensichtlich
noch zu schlafen.
Als ich gestern auf dem Zeltplatz ankam,
war die Rezeption geschlossen. Sie war nur am Nachmittag für ein paar Stunden
geöffnet. Als ich am gestrigen Abend mit meinen Einkäufen zurückkehrte, hatte
die freundliche, junge Dame am Empfang bereits ihren Computer wieder heruntergefahren.
Mit einigem Charme entlockte sie mir den Personalausweis, legte ihn in ein
Kästchen und sagte mir, ich solle heute früh ab 08:00 h erneut vorbeikommen, um
meine Übernachtung zu bezahlen.
Das habe ich auch gemacht. Leider hatte
ich einen ziemlich nervtötenden Niederländer vor mir. Er bestand darauf, der jungen
Frau auf Englisch zu erklären, was an seinem Fahrrad kaputt sei. Sie sollte den
Mangel in französischer Sprache aufschreiben, damit er den Zettel in der
Fahrradwerkstatt vorlegen könne.
Er gab erst Ruhe, nachdem die junge Frau erklärte,
dass sie Brasilianerin sei und sie lange nicht so gut Französisch spräche, wie
es sich vielleicht anhören würde.
Gegen 08:30 h konnte ich dann auch endlich
meine Rechnung bezahlen, bekam meinen Ausweis wieder und durfte endlich
starten.
Schnell hatte ich den Ort Chagny
durchquert und überquerte am Ortsausgang erst einmal einen Kanal.
Danach wurde es sofort zusehends
ländlicher und bald verließ mein Weg die Straßen und führte über einen felsigen
Schotterweg immer bergauf auf den
nächsten Hügelzug zu.
Hier im Aufstieg traf ich dann auf sie.
Große, schwarze, breitkrempige Hüte mit übergroßer, silberner Jakobsmuschel und
gewaltige Pilgerstäbe. Der zu erwartende
Pilgerumhang wurde allerdings durch hochwertigste Outdoor - Bekleidung ersetzt.
Nach der Beschreibung von Moni und Thomas konnten das nur „die beiden Kölner“
sein. Mehr oder weniger sprach ich sie auch so an. Sie erkannten mich sofort
als „den Solinger“.
Der Nachrichtendienst unter Pilgern schien
also zu funktionieren. Irgendwie ein beruhigendes Gefühl.
Gemeinsam stapften
wir bergwärts und erreichten bald eine heideähnliche Hochfläche.
Wir kamen ins
Gespräch, ohne uns namentlich vorgestellt zu haben.
Schnell referierte
„Der Kölner“ darüber, dass er gemeinsam mit seiner Frau den einzig wahren
Jakobsweg begehen würde. Also seiner Meinung nach den von Köln über Trier,
Cluny, Le Puy nach Saint-Jean-Pied-de-Port und danach entlang der spanischen
Nordküste, da diese ja wie alle Küsten zuerst besiedelt wurde… . Weiter führte
er aus, dass er den Weg zum Wandern über den Deutschen Alpenverein gefunden
habe und eigentlich aus dem Kletterbereich komme. Es gäbe für ihn nichts
Schöneres, als sich in der Natur anhand von Landkarten und Kompass zu bewegen,
in den Alpen sei allerdings auch ein Höhenmesser von Vorteil.
„Die Kölnerin“
sprach derweil kaum ein Wort und ging immer mit einigem Abstand hinter uns her.
Plötzlich tönte
ein seltsam schnarrendes Signal aus der Hosentasche „des Kölners“.
Ich dachte mir
noch, welch ein vorzeitlicher Handyklingelton. Falsch gedacht.
Ein gezielter
Griff in die Hosentasche „des Kölners“ förderte ein Hightech Navigationsgerät
hervor, welches verkündete, das wir von der vorgesehenen Route abgewichen
waren. Ich glaube, ein leichtes Prusten konnte ich nicht unterdrücken und hatte
echte Mühe, nicht vor Lachen ins Heidekraut zu beißen.
Jedoch folgte ich
den Beiden mit ihrem zuverlässigen Navi, nicht ganz uneigennützig, bis nach
Rully.
In dem Ort konnte
ich meinen Weg anhand der Beschreibung und der Kennzeichnung wieder alleine
aufnehmen.
In einer kleinen
Parkanlage in Rully traf ich erneut auf Moni und Thomas. Ich blieb auf ein
kurzes Gespräch bei ihnen und ließ „die Kölner“ ziehen.
In einem kleinen
Lebensmittelgeschäft kaufte ich eine große Weintraube und ein paar kleine
Tomaten.
Wie sich später
herausstellten sollte, sind Weintrauben auf nüchternen Magen nicht unbedingt
die allererste Wahl, zumal sie, gelinde gesagt, die Verdauung stark
anregen.
Ab der Parkanlage
setzte ich meinen Weg wieder alleine fort. Er führte mich zunächst steil bergan
und aus der Stadt hinaus.
Ich passierte am
Ortausgang das „Chateau Rully“ eine ansehnliche Schlossanlage.
Schon sehr bald
darauf befand ich mich auf einem Hochplateau. Links und rechts der Straße lagen
wieder die weitläufigen Weinfelder der Bourgogne.
Im weiteren
Verlauf ging es dann durch ein Waldstück mit undurchdringlichen Buchsbaumhecken
links und rechts des Weges.
Nach Verlassen des Waldes und einem großen
Weinfeld später ereichte ich eine kleine Passhöhe.
Von hier führte ein Fahrweg hinab in den
kleinen Ort Mercurey.
Linkerhand, direkt am Ortseingang, stand
die Kirche „Notre Dame De Mercurey“. Auf dem Vorplatz gab es einige
Hinweistafeln zur Bedeutung und Entstehung der Kirche. Darauf war auch ein
schöner Stempel abgebildet, den ich unbedingt in meinem Pilgerpass haben
wollte. Leider war die Kirche verschlossen.
Am dritten Haus traf ich auf eine aparte
Bewohnerin, die sehr gut Englisch sprach. Sie erklärte mir, dass ein paar
Straßen weiter, in der Rue de Chamerose das Weingut der Mme Janine Menand läge.
Mme Menand besäße einen Schlüssel für die Kirche. Ich suchte das Weingut und
traf auf Frau Menand. Sie erklärte sich sofort bereit, mit mir die 400 m zurück
zur Kirche zu gehen, um mir dort einen Stempel in den Ausweis zu drücken.
Nach Durchquerung des Ortes stieg der Weg
wieder in den nächsten Weinberg an.
Bei einem Blick über Mercurey hinweg
zurück, erkannte ich gut den Fahrweg, auf dem ich zuvor vom letzten Weinberg
kommen hinab in den Ort gewandert war.
Auf der nächsten Anhöhe passierte ich die
alte Kirche Saint-Symphorien-de-Touches.
Von dieser Höhe ging es wieder hinab ins
Tal, nach Saint-Martin-sous-Montaigu. Ein Blick in die Lankarte bestätigte
meinen Verdacht.
Das gemächliche Wandern zwischen den
ebenen Weinfeldern oder immer auf halber Höhe entlang der Weinberge schien
beendet. Der heutige Weg führte ganz offensichtlich quer zur Geländefaltung,
sodass ich noch den einen oder anderen Auf- und Abstieg vor mit hatte. Ich
kümmerte mich nicht darum, denn das Laufen fiel mir heute leicht.
Am Fuß einer Schichtmauer entdeckte einen
ganz besonderen Bewohner. Normalerweise huschen hier kleine, schlanke, braune
Eidechsen zwischen den Steinen hin und her.
Auf einem platten Stein sonnte sich ein
auffallend großes und fettes Exemplar einer grünen Eidechse. Sie flüchtete
netterweise nicht sofort und gab mir die Gelegenheit zu einem gelungenen
Schnappschuss.
Nach der Durchquerung von
Saint-Martin-sous-Montaigu ging es
direkt wieder hinauf auf den nächsten Höhenzug.
Ein endlos erscheinender und schwer zu
gehender felsiger Weg führte mich ständig bergan. Er zog und zog sich.
Ich musste nach einiger Zeit eine kleine
Pause einlegen und einen ordentlichen Schluck aus meiner Wasserflasche nehmen.
Die weitere Wegbeschreibung verhieß nichts
Gutes.
So sollte der Weg am oberen Ende des
Waldes den Eindruck vermitteln, als sei man bereits oben angekommen.
Danach setzte der Pfad sich aber, immer
noch stets bergan führend, durch eine große Heidefläche fort, die die gesamte
Bergkuppe bedeckte.
Endlich hatte ich den Gipfel des Hügels
erreicht und pausierte ein weiteres Mal unter einem der typischen Steinkreuze
an einer Wegkreuzung.
Ich war ganz gut außer Atem.
In Gedanken stellte ich mir bereits vor,
wie es in der Auvergne zugehen würde, wo die Hügel deutlich mehr als doppelt so
hoch waren wie hier.
Schon bald darauf erschloss sich aus der
Höhe in östlicher Richtung ein toller Blick hinunter auf
Chalon-sur-Saone, der französischen
Partnerstadt meines Wohnortes Solingens.
Manchmal schien sich der Weg durch die
grasige Hochfläche zu verlieren und war zum Teil nur zu erahnen. Offensichtlich
hatte sich mein Gefühl nicht geirrt, ich erreichte, wie vorgesehen, den Ortsrand von Russily.
Der Ort wurde lediglich kurz berührt und
weiter ging es durch Wiesen und Wälder. An einer Stelle verjüngte sich ein
Waldgebiet zu einem nur noch etwa 10 m breiten, mit Bäumen bestandenen
Streifen.
Durch diesen schmalen Waldstreifen führte
ein tunnelartiger Hohlweg direkt auf eine Viehweide zu.
Unmittelbar hinter dem Hohlweg stand ein
Charolais – Jungbulle. Er nahm mich direkt ins Visier, schnaubte, riss mit
seinem rechten Vorderhuf eine ansehnliche Grassode aus der Wiese und warf diese
nach hinten. Ich habe wirklich eine ganze zeitlang überlegt, ob ich auf dem
Feldweg an der Weide vorbeigehen sollte.
Eine akzeptable Umgehung war für mich auf die Schnelle leider nicht erkennbar.
Ich nahm mir ein Herz, öffnete schon mal
den Bauchgurt des Rucksacks und lockerte
die Schulterträger, damit ich mich im Notfall schnell vom Rucksack befreien und
das Weite suchen konnte.
Der Jungbulle mampfte weiter sein Gras und
schaute mich gelangweilt an, während ich vorsichtig vorbei schlich.
Möglicherweise hatte ich ihn auf seiner unendlich ruhigen Weide nur erschreckt.
Und wieder führte mich mein Weg bergab in
das nächste Tal, nach Charnaille und in der Folge nach Jambles.
Ich passierte den fast angrenzenden Ort
Jambles, wo ich mir meine 1,5 Liter Trinkflasche nochmals auffüllen ließ.
Allmählich kamen in mir Gedanken an die
nächste Nacht auf. Wo immer ich auch bleiben würde, jetzt hatte ich bis zum
morgigen Tag genug zu Trinken und zu Essen dabei.
Hinter Jambles stieg der Weg zum nächsten
Hügel wieder an. Ein Blick zurück offenbarte die malerische Lage der beiden
Orte in dem stillen Hochtal.
Erneut ging es erst durch einen
Waldgürtel, hinauf auf eine heideartige Fläche auf der Höhe.
Diesmal war die riesige Heidefläche zum
Teil durch Weidezäune in nicht zu überschauende Parzellen unterteilt. Hier galt
es einen engen Durchgang in die grobe Richtung des Örtchens St. Dessert zu
finden.
In St. Dessert hatten Moni und Thomas ihr
Ausweichquartier für Moroges klar gemacht.
An den Zugängen zu den letzten beiden
großen Heideflächen mussten jeweils Gatter durchquert werden.
Vor dem kommenden Gatter wurde in der
Wegbeschreibung ausdrücklich gewarnt. In dem Buch stand „Vorsicht vor dem Stacheldraht“.
Ich erreichte dieses Gatter. Es war etwa
drei Meter breit und aus dicken Holzbrettern zusammengenagelt. Zudem war es
innen und außen mit reichlich Stacheldraht beschlagen.
Ich hing das Gatter an der einen Seite aus
und drückte es leicht auf. Direkt fiel das Konstrukt in sich zusammen, da sich
die Bretterverbindungen untereinander im Laufe der Jahre wohl gelockert hatten.
Nach passieren des Gatters versuchte ich
es wieder aufzurichten und zu verschließen. Mit Rucksack keine Chance. Ich
setzte meinen Rucksack ab. Erneut richtete ich das Gatter mit aller Kraft
wieder auf und drückte es zu. Ich stemmte mich mit dem ganzen Körper dagegen
und achtete hierbei, wie empfohlen, auf den Stacheldraht.
Als ich gerade mit der einen Hand das
Gatter mit der dafür vorgesehenen Drahtschlaufe verschließen wollte, geriet ich
(bei kurzer Hose) mit meiner leicht schwitzigen Kniekehle an den verrosteten
Draht eines Elektroweidezaunes, der bis dahin im halbhohen Gras nicht sichtbar
war.
Bang
vmV. Das waren Schmerzen. Meine Haare standen
wieder korrekt senkrecht und unwillkürlich schaute ich nach, ob ich meine
Schuhe noch an hatte.
Mein Körper zuckte zusammen und in den
nächsten zwei drei Minuten war mir richtig schummerig.
Das Gatter krachte bei dem Stromschlag
natürlich wieder altersschwach zu Boden.
Nachdem ich es erfolgreich wieder
aufgestellt und eingehangen hatte, wurde mir auch klar, warum der junge
Charolaisbulle von vorhin so friedlich auf seiner Weide blieb und gebührenden
Abstand zum Weidezaun hielt.
Ich fragte mich allen Ernstes mit welchen
Stromstärken Weidezäune in Frankreich betrieben werden.
Oder war man als Kind vielleicht wirklich
schmerzfrei. Schließlich hatten wir als Kinder im Bergischen Land hin und
wieder eine Mutprobe daraus gemacht, einen Elektroweidezaun anzufassen.
Ein letztes Mal für diesen Tag führte der
Weg ins Tal, in den Ort Cercot. Hier musste ich die autobahnähnliche N80
unterqueren. Es folgte ein weitere letzter, dafür umso steilerer Anstieg hinauf
nach Moroges, wo ich wohl keine Übernachtungsmöglichkeit zu erwarteten hatte.
Irgendwie fühlte ich mich trotz des
heutigen ständigen Bergauf und Bergab und der bereits zurückgelegten Strecke
von 26 Kilometern noch relativ fit. Im Gedanken spielte ich damit, noch die
sechs Kilometer bis
Montagy-les-Buxy weiter zu gehen, wo sich
zahlreichere Übernachtungsmöglichkeiten boten.
Mit diesem Gedanken im Kopf lief durch das
Straßendorf Moroges, schaute aber dennoch vorsichtshalber nach links und
rechts, ob sich nicht irgendwo ein Hinweis auf ein „Chambre“ finden ließ, was
im Pilgerführer nicht erwähnt war.
Mein suchender Blick wurde ganz
offensichtlich wahrgenommen. Mir kam ein ziemlich alter Peugeot entgegen, der
in meiner Höhe mitten auf der Straße anhielt. Dem Fahrzeug entstieg eine noch
deutlich ältere Gemeindeschwester, die sich im nach hinein als echter Engel
entpuppen sollte. Leider sprach sie nur Französisch. Mit Händen und Füßen
fragte sie mich, wo ich schlafen wolle. Ich antwortete ihr, ebenfalls mit
Händen und Füßen, in einem Bett, in meinem Zelt oder irgendwo an einem
trockenen Platz.
Die alte Dame räumte derweil den
Beifahrersitz ihres Wagens frei. Ohne weitere Worte nahm sie mir meinen
Rucksack ab und packte ihn in den Kofferraum. Danach musste ich einsteigen.
Sie fuhr mich etwa 300 Meter zurück zu
einem kleinen Haus. Hier wohnte der zweite „Engel“ den ich heute kennen lernen
durfte.
Es handelte sich um Herrn Francois
Duniault.
Er war der Hausmeister der Dorfschule und
kümmerte sich wohl auch um die Kirche und das Kirchanwesen.
Die Gemeindeschwester stellte mich kurz
vor und verschwand dann ziemlich schnell, so dass ich mich gerade noch mittels
Zuruf bei ihr bedanken konnte.
Herr Duniault
führte mich zu einem anderen kleinen Haus in seiner direkten Nachbarschaft.
Hier, im Dachgeschoss, gab es einen großen
und blitzsauberen Doppelraum, der der
Einrichtung nach für Kindergruppen genutzt wurde. Herr Duniault schaltete mir
den Boiler an, damit ich am Waschbecken warmes Wasser zur Verfügung hatte.
Er händigte mir den Hausschlüssel und den
Schulschlüssel aus. Den Schulschlüssel deshalb, weil es in dem Häuschen keine
Toilette gab. So musste ich quer über den Kirchplatz zur Schule gehen, um eine
Toilette zu erreichen.
Er fragte mich noch, ob ich Alles für ein
Abendbrot dabei hätte. Ich erklärte ihm, dass ich Würstchen, Käse und Nüsse
dabei hätte und das ein Stück Brot und eine Flasche Wein auf die Nacht
vielleicht nicht schlecht wären.
Herr Duniault verstand mich. Er
vermittelte mir, dass er sich um das Brot kümmern wolle. Wein gäbe es bei einem
Winzer, kaum 100 m Meter von meiner Unterkunft entfernt, zu kaufen.
Gleichzeitig griff er zum Telefon und telefonierte mit dem Winzer.
Soweit ich verstehen konnte erzählte er
begeistert von einem „Pelerin Compostelle“ also von mir.
Ich verstand etwas von „bouteille“ und „vin de table“ und „rouge“
also von einem einfachen roten Tafelwein.
Er sprach aber auch, eher bittend, von
einer „dégustation“, wie ich heute weiß, von einer Verkostung.
Wir gingen auseinander. Herr Duniault fuhr
los, um mir ein Stück Brot zu besorgen.
Ich ging zum Winzer, um mir eine Flasche
Wein zu kaufen. Mittlerweile hatte Regen eingesetzt.
Auf dem Winzerhof wurde ich direkt von
einer älteren Dame freundlich in Empfang genommen.
Sie führte mich in einen rustikalen
Verkaufsraum und schon kam ich den Genuss einer umfangreichen Weinprobe. Die
Dame schenkte mir begeistert einen edlen Tropfen nach dem anderen in
Probiergläser ein.
Es galt Burgunderweine der Sorten Pinot
Noire, Pinot Blanche, Aligoté und Chardonnay zu verkosten.
Darüber hinaus durfte ich zwei
champagnerähnliche „Crémants“ in weiß und rosé probieren.
Ich hatte lange nichts gegessen und
dementsprechend entfalteten die Weine ihre deutliche Wirkung.
Ich war ziemlich froh, dass ich zum
Schluss der Verkostung meine Flasche roten Tafelwein zum Preis von 5.60 €
übereicht bekam. Ich legte das Geld passend auf den Tisch. Die ältere Dame
schob mir die Münzen lächelnd zurück und nahm nur den 5 Euroschein. Schon
deutlich beschwingt ging ich zurück in meine zurück in meine Unterkunft.
Gegen 19:30 h kam Herr Duniault zurück und
übergab mir ein kleines Baguette. Er erkundigte sich noch, ob alles OK wäre.
Natürlich war es das.
Ich machte ihm mit Händen und Füßen klar,
dass ich morgen früh zeitig los wollte und deshalb schon mal gerne die Kosten
für die Unterkunft begleichen würde. Herr Duniault winkte ab und meinte, dass
das Zimmer für mich „gratuit“ sei, also nichts kosten würde. Auch das Baguette
wollte er nicht bezahlt haben, obwohl er extra mit seinem Wagen losgefahren
war, um es zu besorgen. Ein wahrer Engel.
Aber es sollte noch besser kommen.
Herr Duniault erkundigte sich, wohin ich
morgen gehen wollte. Ich sagte ihm, bis St. Gengoux-le-National.
Sofort kam wieder das Telefon ins Spiel.
Herr Duniault rief seinen Freund, Herrn René Lacroix, an.
Herr Lacroix betreut eine Pilgerunterkunft
in St. Gengoux und spricht recht gut Deutsch.
Ich konnte selbst mit ihm telefonieren und
er reservierte mir für die morgige Nacht ein Zimmer.
Herr Duniault notierte kurzerhand die
Anschrift und Telefonnummer des Herrn Lacroix auf einen Zettel, den er mir in
die Hand drückte. Danach wünschte er mir eine gute Nacht.
Gegen 20:00 h öffnete ich mir die Flasche
Wein und genoss ein ausgiebiges Abendbrot.
Ich ließ den langen Tag noch einmal Revue passieren.
Ich kam zum Schluss, dass der Tag durch
das ständige bergauf und bergab anstrengend war. Ich hatte, mit „den Kölnern“
ein lustiges und mit dem Weidezaun ein sehr schmerzhaftes Erlebnis.
Das schönste Erlebnis überhaupt war aber
die Begegnung mit der liebenswürdig resoluten Gemeindeschwester und der
gelebten Gastfreundschaft des Herrn Duniault. Diese Begebenheit wird mir immer
in Erinnerung bleiben. Sie war die bislang schönste Erfahrung auf meinem
bisherigen Pilgerweg.
An dieser Stelle nochmals meinen
herzlichen Dank an die Beiden.
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